Autorin mit Migrationshintergrund

OBEREGG. Coralie Frei hat mit «Jenseits vom Ozean» einen zweiten Roman geschrieben. Darin beschreibt sie ihre islamische Herkunft und die Integration. Seit zwei Jahrzehnten lebt die gebürtige Komorianerin in Oberegg.

Rolf Rechsteiner
Drucken
Teilen
Coralie Frei ist auf den Komoren geboren. (Bild: Rolf Rechsteiner)

Coralie Frei ist auf den Komoren geboren. (Bild: Rolf Rechsteiner)

Unter dem Namen Catidja Amal in die islamische Welt der Komoren geboren, ist Coralie Frei das erste Mädchen ihrer Kleinstadt, das in Frankreich studieren darf. Erst mit der Zeit merkt sie, dass ihre dunkle Haut karrierefeindlich ist. Das Wort «Negerin» kann sie bald nicht mehr hören. Die Autorin lebt seit zwei Jahrzehnten in Oberegg. Ihre Mutter hat sich für ihr Hochzeitsfest ruiniert. Catidja wurde schon im Mädchenalter mit einem Mann verlobt, der mehr als doppelt so alt war als sie. Der Vater, Stammesfürst und Grossgrundbesitzer, lässt zu, dass die Hochzeit stattfindet. Man muss das Gesicht wahren. Catidja sitzt einen Monat lang abseits in stillen Gemächern, während die halbe Insel der Brautmutter die Aufwartung macht.

Kalt erwischt

Inzwischen haben der Vater und der Onkel ihre «Flucht» in die Wege geleitet. Sie soll in Frankreich studieren, ein besseres Leben haben und letztlich Geld nach Hause schicken, denn die Kinder sind die einzige Altersvorsorge für die Eltern.

Am Morgen nach der letzten Zeremonie fliegt sie ab, lässt ihren Gendarmen zurück und hat nicht die Absicht, wiederzukommen, obwohl sie schwanger ist. Über Paris gelangt sie nach Toulouse, wo die Uni für ihre Studenten sorgt. Wie sehr die Welt sich von dem unterscheidet, was sie bisher kannte, schildert sie eindrücklich. An der angegebenen Adresse wird sie abgewiesen – alles voll! «Nehmen Sie den ersten Bus!», sagt ihr Begleiter und lässt sie einfach sitzen in ihrem kurzen Kleid mit Spaghettiträgern, das sie als sichtbares Zeichen ihrer gewonnenen Freiheit trägt. Schliesslich landet sie total durchfroren tatsächlich im Hotel Sarcelles, einer Art «Auffangstation» für gestrandete Studenten.

Die junge Frau setzt sich durch. Sie tritt ihr Studium in Literatur und Linguistik an und bringt ihren Sohn zur Welt. Mit einem Offizier der französischen Armee geht sie eine zweite Ehe ein, lange nachdem die erste aufgelöst wurde. Er bringt zwei Töchter in die neue Beziehung ein, zwei weitere Söhne werden ihnen geschenkt. Trotz allem lässt sie sich ab 1983 zur Krankenschwester ausbilden, arbeitet mit Unterstützung von Tagesmüttern und zwei jüngeren Geschwistern, die in ihren Haushalt aufgenommen wurden, um ebenfalls zu studieren. In einer kritischen Phase ihres Lebens begegnet sie in Tunesien einem Schweizer. Der Ferienflirt wird zur grossen Liebe.

Dem Herzen gefolgt

Catidja löst sich aus allen Familienbanden. Mit dem Jüngsten verlässt sie 1994 Frankreich und zieht um in die Schweiz. Die Ziviltrauung macht es Catidja möglich, zu bleiben. Aus ihr wird Coralie Frei, die zusammen mit ihrem Albert seit nunmehr zwei Jahrzehnten in Oberegg lebt. Vor kurzem haben die beiden ihre Traumhochzeit nach katholischem Ritus nachgeholt. Als Weltbürgerin hat sie gelernt, vorwärts zu blicken. Aus ihrem reichen Erfahrungsschatz zieht sie eine überraschende Bilanz: «Hier in der Schweiz ist vieles doch nicht so anders als auf den Komoren.»