Auswärts Inspiration suchen

Die diesjährigen Stipendiatinnen der Ausserrhodischen Kulturstiftung stecken bereits mitten in den Vorbereitungen für ihre «Artist in Residence»-Projekte. Monika Slamanig zieht es nach Kärnten und Jeanne Devos in eine Tanzkompanie.

Marcel Jud
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Schauspielerin Jeanne Devos. (Bilder: pd)

Schauspielerin Jeanne Devos. (Bilder: pd)

AUSSERRHODEN. Monika Slamanig faszinieren Grenzüberschreitungen, räumliche wie sprachliche. Sie sind zentral für das Schreibprojekt, welches die in Heiden aufgewachsene Autorin und Übersetzerin im Rahmen des «Artist in Residence»-Stipendiums (AiR) der Ausserrhodischen Kulturstiftung realisieren wird. Schauspielerin Jeanne Devos, die zweite Stipendiatin, setzt sich ebenfalls mit Grenzen auseinander; mit den Grenzen künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Diese will sie in ihrem Projekt durchbrechen – an der Schnittstelle von Tanz, Theater und Performance – und dadurch ihr eigenes Spiel voranbringen.

Literarische Mündlichkeit

Das AiR-Stipendium erlaubt es den beiden Künstlerinnen, den Ort für ihre Projekte frei zu wählen. Monika Slamanig zieht es nach Klagenfurt. Die Hauptstadt Kärntens dient als Stützpunkt für ihr Schreibprojekt, das «von der Tradition des Erzählens, wie ich sie als Kind erlebt habe» inspiriert ist. Auf der Kärntner Alp ihrer Grosseltern väterlicherseits sind die Leute am Abend jeweils zusammengesessen und haben einander Geschichten erzählt. Die mündliche Überlieferung ist Kern ihres erst in Ansätzen vorhandenen Konzepts: «Mir schwebt ein Episodenroman vor, der sich anhand von Geschichten entwickelt, welche die Protagonistinnen einander erzählen.» Slamanig will die Mündlichkeit in eine literarische Form bringen; die Grenze zwischen ihr und der Schriftlichkeit durchbrechen. Eine Herausforderung für Autorin und Leser, da das «Miteinander-Reden» oft assoziativ ist, Leerräume offen lässt.

Slamanig will noch einen Schritt weiter gehen und auch Sprachgrenzen überschreiten: «Kärnten liegt im Dreiländereck Österreich, Italien, Slowenien; das Italienische und Slowenische sind in diesem österreichischen Bundesland sehr präsent.» Diese Mehrsprachigkeit findet sich in Slamanigs Familie wieder; ihre Grossmutter war eine Kärntner Slowenin. Deshalb beinhalte ihr Projekt geographische und sprachliche Grenzüberschreitungen. «Diese bilden Reibflächen und erzeugen Spannung. Davon lebt jede Kunstform.»

Neue Ausdrucksmöglichkeiten

Spannung durch Grenzüberschreitungen sucht auch Jeanne Devos, die ihr Stipendium dazu nutzen möchte, sich mit Tanztheaterformen zu beschäftigen, die Tanz, Theater und Performance miteinander verbinden. «Ich habe als Kind und Jugendliche Ballett getanzt. Auch während meiner Ausbildung an den Kunsthochschulen Bern und Zürich spielte Tanz eine wichtige Rolle», sagt die in Wald aufgewachsene Schauspielerin. Sie finde vor allem über die Bewegung zu ihren Rollen auf der Bühne. Deshalb will sie während ihres AiR-Aufenthalts nicht nur transdisziplinäre Tanz- und Theaterformen kennenlernen, sondern gleichzeitig ihre körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten vertiefen und erweitern. Wo sie dies tun wird, will sie noch nicht sagen. Dass sie den Ort ihres Aufenthalts dabei frei wählen kann, kommt ihr aber zugute: «Stipendien, die an einen bestimmten Ort gebunden sind, funktionieren für Theaterschaffende nicht.» Die Ausserrhoder Variante ermögliche einem viele Freiheiten. Diese sind für die Kunstschaffenden zugleich mit Eigenverantwortung verbunden, da sie ihren Aufenthalt selbst organisieren müssen.

Prägende Heimat

Monika Slamanig war deshalb kürzlich in Klagenfurt. Sie habe viele Kontakte zu Kärntner Kulturschaffenden geknüpft: «Ich war erstaunt, dass ich auf so viele offene Türen gestossen bin. Alle wollten mehr über Ausserrhoden und seine Kulturszene erfahren.» Kärnten weise viele Parallelen zu ihrem Heimatkanton auf: «Beides sind Rand- und Grenzregionen, was mich ungemein interessiert. Sie sind ländlich sowie landwirtschaftlich und traditionell geprägt, aber auch eigenständig und unabhängig, unkonventionell und wagemutig.» All dies beeinflusse ihr Schreiben: «Viele meiner Texte haben direkt und indirekt mit dem Appenzellerland zu tun. Das heisst mit dem Leben in einer kleinräumigen Welt, die Überblick und Orientierung ermöglicht und zugleich einengend ist.» Das Appenzellerland prägte auch Jeanne Devos: «Ich bin nicht im Dunstkreis von Kunst und Theater aufgewachsen und deshalb – so hoffe ich – relativ bodenständig.» Dies fliesse in ihre Arbeit ein, denn auf der Bühne könne man sich nicht verstecken. Beide sind auch im kulturellen Leben des Kantons präsent: Slamanig mit ihrem Übersetzungs- und Schreibbüro im Palais Bleu in Trogen und Devos durch Auftritte etwa auf der Ledi-Wanderbühne im Appenzeller Jubiläumsjahr 2013 oder als Stimme des Hörrundgangs durch die Trogener Gassen.

Verbindende Co-Produktion

Die Resultate ihrer Projekte werden die Künstlerinnen ebenfalls in Ausserrhoden präsentieren. In welcher Form sie dies tun wird, weiss Jeanne Devos noch nicht genau: «Ich habe zwar einige Ideen, aber es ist hinfällig, schon jetzt Konkreteres zu sagen, denn was ich während meines Aufenthalts mache, wird auch etwas mit mir selbst machen und dadurch können wiederum ganz neue Ideen entstehen.» Monika Slamanig ist da konkreter: «Ich werde sicher einiges an Material mitbringen, das ich als Lesung und Performance präsentieren kann. Mein Ziel ist auch eine grenzen- und spartenübergreifende Co-Produktion zwischen Kulturschaffenden von hier und aus Kärnten.»