Austausch über Parkinson ist hilfreich

Die Parkinson-Selbsthilfe-Gruppe Toggenburg feiert in diesem Jahr ihr 20-Jahr-Jubiläum. Betroffene und ihre Angehörigen treffen sich jeden dritten Donnerstag im Monat im Kirchgemeindesaal der evangelischen Kirche Wattwil. Neue Mitglieder sind willkommen.

Tanja Trauboth
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Leiterin Sonja Strässle, Lichtensteig (rechts) bekam als Präsent eine Schüssel aus Stein, die der Bildhauer und Parkinson-Betroffene Albert Götte, Bütschwil, gemacht hat. Die Namen der Mitglieder der SHG sind darin eingraviert. Rechts neben ihr sitzt Erna Baumgartner, pensionierte Fürsorgerin und ebenfalls Gründerin. (Bild: Tanja Trauboth)

Leiterin Sonja Strässle, Lichtensteig (rechts) bekam als Präsent eine Schüssel aus Stein, die der Bildhauer und Parkinson-Betroffene Albert Götte, Bütschwil, gemacht hat. Die Namen der Mitglieder der SHG sind darin eingraviert. Rechts neben ihr sitzt Erna Baumgartner, pensionierte Fürsorgerin und ebenfalls Gründerin. (Bild: Tanja Trauboth)

Toggenburg. Einige schritten langsam, wie wenn ihnen die Beine nicht richtig folgen wollten, Männer und Frauen, mit Trippelschritten, leicht nach vorne geneigt. Es kamen aber auch solche, denen man nichts anmerkte, vielleicht Angehörige, Partnerinnen und Partner. Die Parkinson-Krankheit hat aber einen langsamen Verlauf und kann mit Medikamenten gelindert werden, so dass die meisten Parkinson-Betroffenen eine normale Lebenserwartung haben.

Nervenzellen sterben ab

Parkinson lässt die Nervenzellen, die im Gehirn den Botenstoff Dopamin produzieren, über Jahre absterben. Ihr verstorbener Mann Xaver Strässle habe es schon früh gemerkt, erklärt Sonja Strässle, die heutige Leiterin der Selbsthilfegruppe, die auch eine der drei Gründerinnen ist. Xaver Strässle war in den Vierzigern, als er zu seinem Hausarzt ging und sagte: «Ich habe Parkinson.» Dieser, wie auch der erste Neurologe, den Strässle darauf konsultierte, meinte: «Das bilden Sie sich ein.

» Dabei kannte Xaver Strässle die Beschwerden, weil schon sein Vater die Krankheit hatte, die nach dem im 19. Jahrhundert lebenden englischen Arzt James Parkinson benannt ist. Eines Tages dann musste seine Familie länger warten, bis Strässle zum Mittagessen kam. Was war los? Bei Strässles Freund aus Kindertagen, Jakob Kuratle, war ebenfalls die Parkinson-Krankheit diagnostiziert worden. Strässle erklärte seinem Freund, wie man mit der Krankheit leben kann. Er machte ihm Mut.

Parkinson betrifft nicht nur die Erkrankten, sondern auch ihre Partner, ihre Familie. Informierte Patienten leben aber besser. So hatten die Ehefrauen der beiden Freunde, Vroni Kuratle und Sonja Strässle die Idee zur Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene und ihre Angehörigen austauschen können und etwas gemeinsam unternehmen.

Die beiden Familien wollten nicht hinnehmen, dass sich Parkinson-Kranke zurückzogen vom sozialen Leben. Auf der Suche nach einem geeigneten Raum, stiess Erna Baumgartner als dritte Gründerin dazu. Die inzwischen fast 90-Jährige kam zur Jubiläumsfeier am Donnerstag. Die pensionierte «Fürsorgerin» (Sozialarbeiterin) wollte sich in freiwilligen Arbeit um Menschen kümmern, von denen sie aus ihrer Berufserfahrung wusste, dass es besonders wichtig war.

Patchwork von Betroffenen

Sonja Strässle erzählt von den Aktivitäten der Gruppe in den letzten zwanzig Jahren. 2003 haben sie ein Stück Stoff für ein Patchwork-Projekt bemalt. Der Bütschwiler Bildhauer Albert Götte, selbst Parkinson-Betroffener hat sie angeleitet. Er konnte, wie viele andere nicht kommen am Donnerstag. Werner Schranz, Lütisburg, machte für sie Fotos, damit sie auch im Nachhinein ein wenig teilnehmen konnten. Eine Frau hört konzentriert zu, zeigt keine Gefühlsregung, wirkt deprimiert.

«Das ist Parkinson», erklärt Sonja Strässle später. Der Dopaminmangel lässt die Bewegungen einfrieren, manchmal auch die Gedanken. «Wenn wir Gäste hatten, und alle sich unterhielten, war es meinem Mann oft zu viel. Er redete dann nicht mehr mit. Am nächsten Tag rekapitulierte er alles und sagte seine Meinung.»

Lieder und Gedichte

Dann war am Donnerstag Pause.

Cony und Hedi Menet, die mit Hackbrett und Cello für musikalische Unterhaltung sorgen, spielten weiter. Welche Verwandlung! Die Frau, die vorher mit maskenhaftem Gesichtsausdruck da sass, steht auf, lacht und reiht sich ein in die Polonaise. Auch auf den Schultern der Schreibenden liegen plötzlich zwei Hände. Alle werden mitgenommen, auch Kurt Meier, Herisau, der frühere Präsident von Parkinson Schweiz. Später leitet eine Physiotherapeutin an zu Übungen. Wir lassen die Arme kreisen, zuerst im Sitzen.

Dann steht auf, wer mag. Gedächtnistrainerin Gertrud Knöpfel gibt jedem einen Umschlag mit einem Gedicht von Joachim Ringelnatz. Auch ein Blatt mit Liedtexten wird verteilt. Auf jedem Platz liegt ein Blatt mit Liedertexten. «Gang rüef die Bruune» wünscht sich die Parkinson-Betroffene, die bereits bei der Polonaise aufgetaut war. In ihren Augen ist jetzt nur noch Glück.

Deutlich und mit klaren Stimmen singen Behinderte, wie Nichtbehinderte alle drei Strophen des nächsten Liedes: «Die Gedanken sind frei.»