AUSSTELLUNG: Wenn Krieg in die Märchen greift

Eintauchen in eine fantastische Märchenwelt – das ist im Kunstmuseum Appenzell möglich. Die aktuelle Ausstellung beleuchtet das Werk Ernst Kreidolfs sowie die düsteren Kapitel in seinem Leben.

Astrid Zysset
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Barbara Stark, Präsidentin des Vereins Ernst Kreidolf, und Roland Scotti, Kurator. (Bild: Astrid Zysset)

Barbara Stark, Präsidentin des Vereins Ernst Kreidolf, und Roland Scotti, Kurator. (Bild: Astrid Zysset)

Astrid Zysset

astrid.zysset@appenzellerzeitung.ch

Ein «Geschenk des Himmels» sei die Ausstellung für das Kunstmuseum Appenzell, liess Kurator Roland Scotti anlässlich der Erstbegehung der Ausstellung zu Ernst Kreidolf am Donnerstag verlauten. Denn: Sie sei beeindruckend. Die Ausstellung will Kreidolfs Werk in einen Gesamtkontext stellen, will zeigen, dass die Kunst nicht in einem leeren Raum spielt, sondern alles Vor- und Nachläufer hat. Sie zeigt aber auch die Person Ernst Kreidolf. In einem 23 Minuten dauernden Film werden die schwierigen Zeiten des Künstlers veranschaulicht. Entstanden ist die mit über 100 Werken reichhaltige Schau durch die Zusammenarbeit mit dem Verein Ernst Kreidolf, der Burgerbibliothek Bern, der Gemeinde Köniz und dem Kunstmuseum Bern.

Inspiriert vom Ersten Weltkrieg

Das Kunstmuseum Appenzell ist nach dem Schloss Spiez die zweite Station der Ausstellung. An weiteren Orten wird sie nicht mehr gezeigt. Zu lichtempfindlich sind die Bilder. «Wir haben eine museale Ausstellung konzipiert», so Scotti. Eine, die neue Schwerpunkte zu setzen vermag. So wird die Beziehung zu Carl August Liner beleuchtet. Obwohl beide die gleiche Ausbildung respektive das Kunststudium in München besuchten, entwickelten sie sich in unterschiedliche Richtungen weiter: Liner wurde zu einem der wichtigsten Brauchtumsmaler der Ostschweiz, Kreidolf zum Begründer des deutschsprachigen Bilderbuchs. «Wir haben hier in der Ausstellung auch den Beweis, dass sie rege in Kontakt standen», so Scotti. Auszüge aus Briefen werden gezeigt wie auch ein Eintrag im Adressbuch Liners, wo der Wohnsitz Kreidolfs in München vermerkt ist. Weiteres Highlight: Unbekannte Werke wie neue Säntisansichten werden gezeigt. Diese stammen aus dem Skizzenbuch von Gottlieb Samuel Steiner. Doch was haben diese mit Ernst Kreidolf zu tun? «Ohne diese Vorläufer wären grosse Künstler wie Kreidolf nicht denkbar», so Scotti.

Zentral ist in der Ausstellung Kreidolfs Schaffen. Zahlreiche Lichtdrucke, Zeichnungen oder auch Aquarelle werden gezeigt. Letztere finden sich bei den Märchen. Szenen aus dem Alpenblumen- wie auch dem Wintermärchen sind chronologisch aufgehängt – allerdings ohne dazugehörigen Text. «So kann sich jeder seine eigene Geschichte dazu denken», so Scotti. Und: Die Ausstellung zeigt Werke Kreidolfs, die bislang kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Während des ersten Weltkriegs hat der Maler die Geschehnisse und Eindrücke in der Kunst verarbeitet. Diese Bilder vermochten aber nie aus dem Schatten der fantastischen Bilderbuchmotive Kreidolfs herauszutreten. «Wir wollten die Ausstellung zum Anlass nehmen, bisher auch unbekanntere Seiten Kreidolfs zu zeigen», erklärte Barbara Stark, Präsidentin des Vereins Ernst Kreidolf. Um Kreidolfs Märchenbilder brach anfangs des 20. Jahrhunderts ein Hype in der Deutschschweiz aus. Scotti verglich dieses Phänomen mit dem heutigen Ansturm auf die Bücher Harry Potters. «Eine ganze Generation hat sich mit den Bildern identifiziert.» So findet sich in einer Vitrine ein Werbeprospekt der SBB aus dem Jahre 1934. Auf dem Titelbild: Ein Werk Kreidolfs. Kostüm- und Kinderfeste wurden zu seinen Ehren abgehalten. Fünf Originalkostüme aus den 1930er Jahren, die zwischen den Bildern ausgestellt sind und an die Blumen im Wintermärchen erinnern, lassen erahnen, wie fasziniert die Menschen damals von Kreidolfs Fantasiewelt waren.

Kreidolf hat aber nicht nur Märchenmotive gemalt. Realistische Naturdarstellungen machen einen grossen Teil seiner Werke aus. Als Alpenmaler hat er sich auch einen Namen gemacht. Aber bei den meisten findet sich das Märchenhafte, Zauberhafte wieder. In der «Schafweide» von 1920/21 ist es auszumachen genauso wie in der Winterlandschaft, durch die St. Nikolaus stapft (1895). Scotti sprach bei diesem Bild gar von einem «mystischen Moment», den Kreidolf auf die Leinwand brachte.

Hinweis

Die Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell ist bis zum 25. Februar 2018 zu sehen.