Ausstellung
Rohen Kieseln Respekt verschaffen: Wie der Trogner Konzeptkünstler H.R. Fricker Steine zu Kunst adelt

H.R. Fricker ist einer der bekanntesten Künstler aus dem Appenzellerland. Nun zeigt die Galerie DuflonRacz in der Berner Altstadt Werke des Trogners. Zu sehen sind Mail-Art-Werke und Steinarbeiten.

Margrith Widmer
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Der Trogner Konzeptkünstler H.R. Fricker.

Der Trogner Konzeptkünstler H.R. Fricker.

Bild: Stefan Beusch

H.R. Fricker begann vor vielen Jahren, vorwiegend am Rhein in Oberriet, aber auch im Appenzellerland, im Lehmen, Steine zu sammeln. Aber er sammelte nicht nur interessante Steine, wie es viele Menschen tun; er erhob sie zur Kunst, «adelte» sie gewissermassen. Stein auf Stein fügte er zusammen, immer einen grösseren und einen kleineren. In Bern werden sie auf hellen Spanschachteln gezeigt. Manche Steine gleichen sich in Ton oder Musterung, andere kontrastieren spannungsvoll.

Einer seiner Lieblingssteine ist ein Nagelfluhstein aus dem Lehmen, schwarz mit hellen Koralleneinschlüssen. Die Steine lagerte er in mehreren Schubkarren. Dazu sagt H.R. Fricker:

«Die Japaner und Chinesen stellen besondere, meist an Naturphänomene erinnernde, unbearbeitete Steine auf geschnitzte, hölzerne Sockel und nennen diese seit über 2000 Jahren praktizierte Steinkunst Suiseki, also Gelehrtenstein.»

Fricker wollte die japanisch-chinesische Steinkultur nicht kopieren und suchte nach einer eigenen Präsentationsform. In seinem Atelier stehen nun etliche mit Steinen gefüllte Karretten.

Er hat auf einem Tisch eine Schieferplatte eingelassen und 16 ausgesuchte Steine darauf gelegt. Dazu gibt es eine Spielanleitung. Allerdings handelt es sich nicht um ein Strategiespiel wie Schach, sondern um ein «Anschauungsspiel». An der Art Safiental druckte er 24’000 Tischsets mit Steinmotiven aus dem Safiental und stellte sie den Gastwirten zur Verfügung. «Den unbearbeiteten, billigen Steinkieseln und Steinbrocken Respekt zu verschaffen, ist doch ein toller Job, oder?», sagt Fricker

Steine werden zu Kunst: Stone on Stone auf Spanschachteln.

Steine werden zu Kunst: Stone on Stone auf Spanschachteln.

Bild: PD

In der Krise ist Mail Art «auferstanden»

An einer Wand der Galerie sind 90 gerahmte Briefumschläge zu sehen – überarbeitete Doppel der bedruckten, perforierten und gestempelten Mail-Art-Couverts, die er in der Coronazeit an Mailartisten und Freunde aus den 1980er-Jahren verschickt hat.

In den 1980er- und 1990er-Jahren hat sich H.R. Fricker intensiv mit Mail Art befasst. Damals war Mail Art zu verschicken, eine Form des Protests: die lächerlich kleine Briefmarke gegen den Gigantismus im Kunstbetrieb. Mail-Art-Künstlerinnen und -Künstler bauten Netzwerke auf, sozusagen als Vorläufer von Facebook und anderen sozialen Medien. Sie hielten bis heute. Nun, während der Coronakrise, ist Mail Art auferstanden.

Hunderte von Briefen

«Mail Art is not fine art. It is the artist who is fine» war ein Slogan der Mail Artisten – ein Stempeltext von Fricker. Damals entstanden Freundschaften, die Mail-Art-Künstlerinnen und -Künstler trafen sich. In der Covid-Krise war das nicht mehr möglich. Mail Art blühte wieder auf. Während eineinhalb Jahren verschickte und erhielt H.R. Fricker Hunderte von Briefen aus seinem Mail-Art-Netzwerk. Beispiele dieses Austauschs sind in der Ausstellung zu sehen, etwa die Korrespondenz mit einem Vertreter der «Siberian Correspondence School», der ebenfalls Steine sammelt.

Die 90 gerahmten Briefumschläge in der Berner Galerie.

Die 90 gerahmten Briefumschläge in der Berner Galerie.

Mottos aus Glanzzeiten

Und es tauchen Mottos und Maximen aus den Glanzzeiten der Mail Art in Frickes Werken immer wieder auf: «My shadow is my graffiti» oder «After Dadaism, Fluxism, Mailism comes Tourism», «Racism» und «Menu Banal» – ein von Fricker gefundenes Anagramm von «Anna Blume». «Die lässt mich nicht mehr los», sagt er dazu.

Eingestreut in die Briefmarkenbögen sind Steinbilder und Leitmotive früherer Jahre «Feed the tourists», «Networkingmaterial» und Orte-Motive wie «Place of Desire», «Ort der Angst», «Only senders can be located» – «Nur Sender kann man orten». Zu sehen sind 150 verschiedene, bestempelte und perforierte Briefumschläge und 90 neue Artistamps/Künstlerbriefmarken.

«Mail Art and money don’t mix» – diesen Leitsatz hat H.R. Fricker gern ironisch gebrochen: «Sale you Archive, make Tourism/Verkauf dein Archiv, besuche andere Mailartisten mit dem Geld». Auch Beispiele seiner Schilder-Arbeiten tauchen wieder auf. Zusammengefügt werden Steine und Briefmarkenbögen, wenn Sandeimer, Gesteinsbrocken und felsige Landschaften auf perforierten Markenbögen erscheinen: «Stoneland 21».

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