Ausserrhoden
Weniger Pendeln, bessere Infrastruktur: Ausserrhoden will mehr Gemeinschaftsbüros auf dem Land

Der Kanton Appenzell Ausserrhoden hat ein Projekt zur Evaluation von Standorten von Coworking-Spaces initiiert. Schon bald sind Probebetriebe möglich.

Karin Erni
Merken
Drucken
Teilen
Ein Coworking-Space wie der Frischloft in Appenzell bietet Arbeitsplätze, Sitzungszimmer und eine moderne technische Infrastruktur.

Ein Coworking-Space wie der Frischloft in Appenzell bietet Arbeitsplätze, Sitzungszimmer und eine moderne technische Infrastruktur.

Bild: PD

Wer im Homeoffice arbeitet, kennt es: Die Datenleitung ist ungenügend, die Familie verhindert konzentriertes Arbeiten und es fehlt ein leistungsfähiger Kopierer. Die Lösung des Problems könnte ein Coworking-Space sein. Ein solches Gemeinschaftsbüro bietet moderne Räumlichkeiten und Infrastrukturen, die flexibel auf Zeit gemietet werden können. Längst gibt es solche Einrichtungen nicht nur in grossen Städten, sondern auch auf dem Land. So eröffnete 2018 unter dem Namen «Frischloft» ein solcher Arbeitsort in Appenzell.

Clarissa Zurwerra.

Clarissa Zurwerra.

Bild: PD

Nun soll es nach dem Willen des Kantons auch in Ausserrhoden vorwärtsgehen. Derzeit läuft unter Federführung der Regionalentwicklungsorganisation Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee ein Projekt, das den Aufbau von Coworking-Spaces in Ausserrhoden vorantreiben will. Projektverantwortliche ist Clarissa Zurwerra. Sie erklärt, warum sich die Regio engagiert: «Angestellte in den Ballungszentren müssen nicht mehr oder weniger oft zur Arbeit pendeln. Das entlastet die Verkehrsinfrastruktur und verringert den CO2-Ausstoss.» Ein Coworking-Space sei auch eine grosse Chance für die Wohngemeinden.

«Dadurch, dass die Leute mehr im Dorf bleiben, steigt die lokale Wertschöpfung. Das Überleben der Läden und des Postbüros wird unterstützt.»

Weitere Vorteile seien die zeitliche und räumliche Flexibilität. Diese fördere eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Hobbys und erhöhe die Lebensqualität. «Von einem Coworking-Space profitierten nicht nur Kopfarbeiter und Kreative», sagt Clarissa Zurwerra. «Auch ein Handwerker kann seine Sitzungen mit Kunden oder Lieferanten hier abhalten. Eine solche Arbeitsform führt zu einer Vernetzung von Know-how verschiedener Berufsgruppen im Dorf.» Die Nachfrage nach Coworking-Spaces sei durch die Pandemie sicherlich gestiegen, so Zurwerra. «Viele sind gesättigt vom Homeoffice und sich in diesem Jahr bewusst geworden, wie die Zeit des Pendelns effizienter genutzt werden kann.»

Rasche Expansion geplant

Mitfinanziert wird das Projekt durch die Neue Regionalpolitik (NRP) des Bundes. Diese unterstützt das Berggebiet und den ländlichen Raum in seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Für die Realisierung zuständig ist Villageoffice. Die 2016 gegründete Genossenschaft baut ein schweizweites Netzwerk von Coworking-Spaces auf dem Land auf. Ziel ist es, Arbeitsplätze in die Nähe des Wohnorts zu bringen. Bereits knapp 80 Coworking-Spaces wurden bis heute realisiert. Bis 2030 sollen es 1000 werden. Dannzumal soll jede Person in der Schweiz den nächsten Gemeinschaftsarbeitsplatz innerhalb von 15 Minuten per Velo oder ÖV erreichen können.

Um zu beurteilen, ob sich ein Coworking-Space tragfähig aufbauen lässt, braucht es eine Potenzialabklärung. Deren Ziel ist es, zu prüfen, ob in den Gemeinden überhaupt genügend Eigeninitiative vorhanden ist, um einen Probebetrieb aufzubauen. Untersucht werden unter anderem die Pendlerströme. In fünf Ausserrhoder Gemeinden soll eine solche Abklärung stattfinden. Dafür angemeldet haben sich Heiden und die AüB (Appenzellerland über dem Bodensee), Herisau und Stein. Die Gemeinden Speicher und Trogen sowie Teufen und Bühler wollen zusätzlich prüfen, ob sie gemeinsam mehr Potenzial hätten, um längerfristig zu bestehen.

Es braucht Engagement aus der Bevölkerung

Die Ergebnisse der Potenzialanalysen sollen bis im Februar 2021 vorliegen. Sie zeigen, wie erfolgversprechend ein Coworking-Space in den jeweiligen Gemeinden ist. In enger Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Villageoffice wird daraufhin in drei ausgewählten Orten der Prozess hin zu einem Pilotbetrieb aufgenommen. Dazu braucht es eine «Spurgruppe» aus lokal verankerten Menschen, die bereit sind, sich für das Coworking-Projekt zu engagieren. «Das Wichtigste ist der Durchhaltewillen. Ein langer Schnauf ist wichtiger, als Räumlichkeiten zu finden», sagt Zurwerra.

Die Redaktion empfiehlt