AUSSERRHODEN: Von Frauenrollen und Politikscheue

In der Ausserrhoder Politik gibt es eine klare Minderheit: die Frauen. Schuld daran sind sie zu grossen Teilen selber. Mit der Einführung des Frauenstimmrechts hat auch die Zufriedenheit Einzug gehalten.

Bruno Eisenhut
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Marianne Koller-Bohl. Eine der wenigen Frauen, die sich aktiv in der Appenzell Ausserrhoder Politik einbringen will. (Bild: APZ)

Marianne Koller-Bohl. Eine der wenigen Frauen, die sich aktiv in der Appenzell Ausserrhoder Politik einbringen will. (Bild: APZ)

Bruno Eisenhut

bruno.eisenhut

@appenzellerzeitung.ch

Lange und zäh war der Kampf der Ausserrhoder Frauen für ihr Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler Ebene. Heute, nicht einmal 30 Jahre nach dem viel diskutierten Beschluss, schert sich im beschaulichen Kanton zwischen Bodensee und Säntis kaum jemand mehr um die Einführung des Frauenstimmrechts. Weder Frau noch Mann. Das Frauenstimmrecht ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Derart selbstverständlich, dass die Ausserrhoder Frauen der Neuzeit vergessen zu haben scheinen, wie sich ihre Vorgängerinnen in den 1980er-Jahren für ihre politischen Rechte engagieren mussten. Wie sie kämpfen mussten und wie sie sich beschimpfen lassen mussten. Was damals mit der Abgabe von Wiesenblumen vor der Landsgemeinde begann, gipfelte schliesslich in einem engagierten Kampf zahlreicher Frauen. Gerade noch konnte das Männervolk 1989 mit der Einführung des Frauenstimmrechts abwenden, dass die ganze Schweiz mit dem Finger auf Appenzell Ausserrhoden zeigte und die hiesige Bevölkerung der Rückständigkeit bezeichnet wurde. Das war der Wendepunkt.

Vom Nachzügler zum Vorreiter

1994, lediglich fünf Jahre später, wurden mit Marianne Kleiner und Alice Scherrer die ersten beiden Frauen in die Regierung gewählt. Bei der Nachfolge für die zurücktretenden Alfred Stricker sen. und Hans Ueli Hohl war die Forderung nach Frauen so laut, dass Kandidaten wie die langjährigen Kantonsräte Heinz Brunner und Werner Meier oder der spätere Regierungsrat Hans Diem chancenlos blieben. Den Frauen genügte es nicht mehr, nur im Ring zu stehen, sie wollten ihr Geschlecht in der Exekutive vertreten wissen.

Gelbe Rosen wurden den frisch gewählten Regierungsrätinnen überreicht, als sie an der Landsgemeinde von den Spiessenmannen auf den Stuhl begleitet wurden – als Symbol des Verzeihens. Damals, 1994 in Trogen. Die Frauen trugen nicht nach und verziehen den Männern das lange Warten auf die Akzeptanz, alles schien in Ordnung zu sein. Wie bei der Einführung des Frauenstimmrechts 1989, stand Appenzell Ausserrhoden 1994 bei der Wahl der ersten Frauen in die Regierung wieder im Interesse der Schweizer Medien – diesmal aber im weit positiveren Sinn. Der Winterthurer Landbote beispielsweise schrieb am Tag nach der Wahl von Kleiner und Scherrer: «...Die leidige Frauenstimmrechts-Diskussion hat lange Zeit den Blick des urliberalen, in vieler Hinsicht fortschrittlichen Wesens der Appenzell Ausserrhoder verstellt. Mit der Wahl der beiden Frauen hat sich der Kanton vom Nachzügler zu einem Vorreiter hinsichtlich der Gleichberechtigung aufgeschwungen...»

Fortan verkam das Thema Frauen in der Politik in Ausserrhoden nach und nach zur Randerscheinung, zur gefestigten Normalität. Jener Landsgemeindesonntag im April 1994 sollte aber zum Höhepunkt der politischen Frauenbewegung in der jüngeren Geschichte Appenzell Ausserrhodens werden. Die gepriesene Rolle des Vorreiters hinsichtlich der Gleichberechtigung kommt ins Wanken.

Abgesehen vom Jahr 1997, als rund ein Drittel des Kantonsrats weiblich war, ging die Präsenz der Frauen langsam, aber stetig wieder zurück. Der Kantonsrat besteht heute noch aus rund einem Viertel Frauen und Marianne Koller-Bohl ist seit vielen Jahren die einzige Regierungsrätin. Bei den Ersatzwahlen in die Regierung im kommenden Februar droht dem weiblichen Geschlecht gar der Fall aus der Exekutive.

Den Frauen fehlen die Ressourcen

Diese düsteren Aussichten scheinen die Ausserrhoder Frauenorganisationen in Schockstarre zu versetzen. Anders kann das untätige Ausharren der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden nicht gedeutet werden. Der unabhängige kantonale Frauendachverband setzt sich zwar unter anderem zum Ziel, Frauen für ein politisches Engagement zu ermutigen. Gelungen ist dies bis jetzt nur in kleinem Umfang. Die Frauen lassen sich nicht mobilisieren und lassen sich bei Wahlen nur zurückhaltend aufstellen. Sie lassen den Männern den Vortritt. Mehr noch: Die Frauen lassen es schier untätig zu, dass sie mehr und mehr von der politischen Bühne gewischt werden. Und niemand stört sich daran – auch nicht die Frauen. Hallte die Forderung nach politisch aktiven Frauen zu Beginn der 1990 Jahre so laut wie der Glockenklang der Ausserrhoder Kirchen über das Land, ähneln diese Forderungen jetzt einer mystischen Stille.

Die Schuld für die drohende Baisse liegt bei den Frauen, aber nicht nur. Immer noch bestünde im Appenzellerland vielerorts ein Verständnis für die Rollenverteilung, welche es den Frauen nicht ermögliche, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, zeigt sich Ariane Brunner, Co-Präsidentin der Frauenzentrale AR sicher. Familie, Beruf und anderweitiges Engagement wie ein politisches Amt sind kaum ohne Dauerstress zu bewältigen. Es brauche die Einsicht von Frau und Mann, dass ein gemischtgeschlechtliches Gremium für die Gesellschaft vorteilhafter sei, so die Co-Präsidentin. Frauen und Männer hätten diese Wertvorstellung teilweise noch immer nicht, so Brunner. Einfach gesagt: Den Frauen – insbesondere Müttern von kleinen Kindern – fehlt nebst Familienarbeit und Beruf die Zeit für ein politisches Engagement. Trotz aller Entwicklung, trotz Emanzipation, trotz Feminismus und trotz Frauenbewegung: Kinder kriegen auch heutzutage die Frauen. Und sind die Bemühungen junger Familien noch so ambitioniert, alle Aufgaben können nicht auf Frau und Mann aufgeteilt werden. Die Betreuung der Kinder, die Pflege ihrer Brut, ziehen viele junge Frauen einem stressigen Alltag mit Familie, Beruf und Politik vor. Das eine muss warten – meistens ist es die Politik. Ein späterer Einstieg wird von den Frauen selten kategorisch ausgeschlossen, dies bestätigt auch die Frauenzentrale. Nur gelingt es den Ausserrhoder Parteien anscheinend zu wenig, den Frauen die Politik schmackhaft zu machen und sie aus ihrer gefestigten Position in Familie und Teilzeitberuf in eine neue, und zeitweilen auch unbequeme, Welt zu locken, in der es wahrlich eine dicke Haut benötigt.

Dabei geht mit dem Verlust der Frauen weit mehr als «nur» das eine Geschlecht verloren. Es fehlt dann die Ansicht, die es für eine ganzheitliche Problemwahrnehmung braucht. Ein Beispiel: Frauen empfinden anders als Männer, wenn sie nachts zu Fuss unterwegs sind und ihnen eine Person folgt. Dies kann Auswirkungen auf Sicherheitsthemen, ja sogar Architekturen oder Bauplanungen haben.

Die Entwicklung in Appenzell Ausserrhoden ist eine Parallele zur gesamten Deutschschweiz. Das weibliche Geschlecht scheint anders als noch in den 1980er-/ 90er-Jahren zufrieden zu sein mit seiner Rolle in der Gesellschaft.

 

Hinweis

In der morgigen Ausgabe erscheint eine Analyse zur Situation der Frauenförderung in der Ausserrhoder Wirtschaft.