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AUSSERRHODEN: Eine unliebsame Tatsache

Gibt es Armut in der Schweiz und wenn ja, warum ist sie nicht sichtbar? Diese Fragen stellt die elfte Ausgabe des Vernetzungsanlasses «Plattform». Die Antworten geben Grund zum Handeln.
Simon Roth
Der St. Galler Slampoet Renato Kaiser lockert den Anlass mit seinen Stand-up-Einlagen auf. (Bild: Simon Roth)

Der St. Galler Slampoet Renato Kaiser lockert den Anlass mit seinen Stand-up-Einlagen auf. (Bild: Simon Roth)

Simon Roth

simon.roth@appenzellerzeitung.ch

Armut ist ein Tabuthema. Wie also spricht man darüber? Mit Humor, wenn es nach Slampoet Renato Kaiser geht. Der St. Galler Satiriker hat am Donnerstagabend im Alten Zeughaus Herisau mit spitzer Zunge an der elften Ausgabe des Vernetzungsanlasses «Plattform» der Abteilung Chancengleichheit des Ausserrhoder Amts für Soziales in die Thematik eingeführt. «Er hat ein Feingefühl für unbequeme Themen», sagte Lars Thoma, Organisator des Abends und Leiter der Abteilung Chancengleichheit.

Renato Kaiser sprach vor Gemeindevertretern, Behördenmitgliedern, Parlamentariern und Mitarbeitern von sozialen Institutionen über den Umgang der Gesellschaft mit Sozialhilfebezügern. Gerade in den Medien werde das Thema oft aufgebauscht. Kaiser nennt ein Beispiel: «Der frechste Sozialhilfe-Bezüger der Schweiz», titelte ein Boulevardblatt. Der 32-Jährige fuhr fort und zeigte die Absurdität des obigen Titels auf: «Frechster Sozialhilfebezüger. Als ob es sich um einen Wettbewerb handelte!» Das Eis war gebrochen.

Nach dem Witz folgte der Ernst der Lage

Der Rest des Abends sollte ernsthafter verlaufen. «Bei mir wird’s etwas trockener», sagte Franz Schultheis, Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Seit Jahrzehnten forscht er zum Thema Armut. Seine Habilitation verfasste er bei Pierre Bourdieu, einem der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. «Schultheis’ Schriften sind nicht nur wissenschaftlich fundiert», sagte Lars Thoma. «Sie sind getragen von einem humanistischen Menschenbild.»

Mit einem Zitat des deutschen Philosophen Georg Simmel stieg Schultheis in die Thematik ein: «Wenn man eine Gesellschaft verstehen will, dann schaue man sich an, wie sie mit den Armen umgeht.» Es sei skandalös, wenn eine reiche Gesellschaft Armut zulässt. Der Dozent näherte sich dem Thema von mehreren Seiten: Er versuchte zu ergründen, warum Armut unsichtbar ist, definierte den Begriff und analysierte Statistiken.

Ausserrhoden ist ein privilegierter Kanton

Während im Jahr 2015 schweizweit 265626 Personen (2,3 Prozent der Bevölkerung) Sozialhilfe bezogen haben, waren es 2016 im Kanton Appenzell Ausserrhoden deren 1199. Dies entspricht 2,2 Prozent der Bevölkerung. Ausserrhoden sei in dieser Hinsicht privilegiert, sagte Schultheis. Die Forschung zeige, dass in kleinen Gemeinden die Dichte an Sozialhilfebezügern kleiner ist als in Agglomerationen.

«Die Statistik bringt einem die Armut aber nicht näher», sagte Schultheis. Er habe sich deshalb auf qualitative Interviews als Forschungsmethode spezialisiert. Will heissen: Betroffenen zuhören. Wie sehen sie sich selbst? Wie die Gesellschaft? Oft höre er dann Geschichten von Ausgrenzung und Desorientierung. «Die Menschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse und glauben, den Behörden ausgeliefert zu sein.» Schultheis nannte es die «lähmende Macht der Armut». Schliesslich widmete der Soziologe der Kinderarmut einige Gedanken. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden sei diese im Bezug zur Bevölkerung überproportional ausgeprägt. «Wer in Armut aufwächst, trägt ein hohes Risiko, diese zu vervielfältigen.» Schultheis plädierte für die Förderung von kostengünstigen Betreuungsmöglichkeiten sowie der sozialen Durchmischung. «Man muss ein Gegengewicht zur Armut schaffen.» Nach diesem Referat war die Sachlage wohl allen Besuchern klar. «Es braucht ein kollektives Gewissen, damit sich etwas ändert», resümierte Lars Thoma. Beim anschliessenden Apéro diskutierten die Teilnehmenden rege über das Gehörte. Und brachen ein Tabu, das in vielen Köpfen existiert.

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