AUSSERRHODEN: Dorfleben schafft Heimat

Solange es Treffpunkte gebe, bleibe ein Dorf auch nach einer Gemeindefusion lebendig, glaubt Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut. Gemeindepräsident Peter Langenauer befürchtet, dass öffentliche Dienstleistungen anonymer würden.

Michael Genova
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Dorfläden, Cafés oder Mehrzweckanlagen: Eine lebendige Dorfgemeinschaft braucht Orte, wo sich die Menschen treffen können. (Bild: Benjamin Manser)

Dorfläden, Cafés oder Mehrzweckanlagen: Eine lebendige Dorfgemeinschaft braucht Orte, wo sich die Menschen treffen können. (Bild: Benjamin Manser)

AUSSERRHODEN. Das Gemeindehaus mit seinen Schaltern ist eine zentrale Anlaufstelle in einem Dorf. Die Gemeinderäte sind Vertrauenspersonen, an die sich die Einwohner mit ihren Problemen wenden. Was aber geschieht, wenn sich Gemeinden zusammenschliessen und sich die Verwaltung zunehmend in den Nachbarort verlagert? «Ein Dorf verliert seinen Charakter nicht, wenn sich Gemeinden zusammenschliessen», findet Heidi Eisenhut, Leiterin der Ausserrhoder Kantonsbibliothek. Für die Menschen sei die Existenz einer eigenständigen politischen Gemeinde kein zentrales Element ihrer Identität.

Heidi Eisenhut Leiterin Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden (Bild: pd)

Heidi Eisenhut Leiterin Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden (Bild: pd)

Als viel wichtiger erachtet Heidi Eisenhut, dass es in einem Dorf auch nach einem Zusammenschluss weiterhin ein Dorfleben mit Treffpunkten gibt. Dies könne ein Dorfladen mit integrierter Post sein, ein Café oder ein Primarschulhaus mit Turnhalle. Auch Vereine schaffen aus ihrer Sicht solche Möglichkeiten der Begegnung. «Das ist in grösseren Orten oder Städten Normalität – das Dorfleben ist dort das Quartierleben.»

Sprechstunde für Bürger

Für Peter Langenauer, Gemeindepräsident von Speicher, ist die eigene Gemeindeverwaltung ein Mosaikstein des Dorflebens. Falle dieses Element weg, verliere eine Gemeinde weit mehr als einen Schalter im Gemeindehaus. Das bisherige, politische Selbstverständnis wäre in Frage gestellt. «Wir müssten unseren politischen Einfluss mit einer anderen Gemeinde teilen», sagt Langenauer. Das könne zu Konflikten führen, weil die Interessen bisweilen unterschiedlich seien. Als Beispiel nennt er die Orts- und Raumplanung, die zurzeit auf das Gemeindegebiet von Speicher begrenzt ist. Bei einer Fusion käme plötzlich ein zweiter Flecken dazu. Nach einem Zusammenschluss müssten sich zum Beispiel Speicher und Trogen darüber einig werden, welcher Ortsteil sich baulich wie stark entwickeln darf.

Peter Langenauer Gemeindepräsident Speicher (Bild: pd)

Peter Langenauer Gemeindepräsident Speicher (Bild: pd)

Langenauer glaubt, dass mit dem Verlust einer eigenen Verwaltung auch die Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern leiden würde. Ein langjähriger Gemeindeschreiber sei für die Bevölkerung oft eine Vertrauensperson. Auch als Gemeindepräsident lege er grossen Wert auf den direkten Kontakt: «Bei mir können die Einwohner jederzeit vorbeischauen.» Das könnte ein Gemeindepräsident für mehrere Gemeinden nicht mehr leisten, ist Langenauer überzeugt. «Die öffentlichen Dienstleistungen würden anonymer.»

Dass dies der Fall ist, sieht auch Heidi Eisenhut. Damit die Einwohner auch in fusionierten Gemeinden weiterhin lokale Ansprechpartner hätten, könnte sie sich die Einrichtung von Sprechstunden vorstellen: «Diese befinden sich dort, wo die Menschen hingehen, wenn sie Rat suchen.» Das könnten neu belebte Räume der ehemaligen Gemeindehäuser sein. Zudem findet es Heidi Eisenhut wichtig, dass alle Dorfteile in einem vereinigten Gemeinderat vertreten wären. «Auch auf dieser Ebene könnten wir unser föderalistisches Modell anwenden.»

Was aber geschieht mit dem Vereinsleben in den Dörfern, wenn die politischen Strukturen zentralisiert werden? Wer übernimmt die Rolle des kulturellen Taktgebers? «Der Zusammenhalt in kleinen Dörfern ist gross und nicht von der politischen Gemeinde abhängig», sagt Heidi Eisenhut. Vor allem kleine Dörfer hätten oft ein aktiveres Vereinsleben als grosse. Daran würde sich auch nach einer Fusion nichts ändern, ist sie überzeugt. Als Beispiel nennt Heidi Eisenhut den Gemischten Chor Wald. Der Chor hat eine regionale Ausstrahlung, die Sängerinnen und Sänger kommen aus allen umliegenden Dörfern. Engagement könne man nicht verordnen. Deshalb könnten Politiker vor allem gute Rahmenbedingungen schaffen und die Bürgerinnen und Bürger motivieren. «In erster Linie müssen die Menschen Lust haben, etwas gemeinsam zu unternehmen», so Eisenhut.

Eigener Gemeinderat als Vorteil

Auch Peter Langenauer glaubt nicht, dass nach einem Zusammenschluss von Gemeinden das kulturelle Engagement plötzlich verloren ginge. Er betont, dass der Gemeinderat kein isoliertes Gremium, sondern Teil des Dorflebens sei. «Unsere Behördenvertreter sind in örtlichen Institutionen, Vereinen und Parteien stark verwurzelt.» Deshalb sei es für Vereine von Vorteil, wenn im Dorf noch ein eigener Gemeinderat tage. Durch den direkten Kontakt sei es zum Beispiel einfacher, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Und bisweilen könne auch eine politische Einheit das Vereinsleben mit inhaltlichen Ideen voranbringen.