AUSSERRHODEN: Die einzige Frau tritt ab

Nach zwölf Jahren ist heute der letzte Arbeitstag von Regierungsrätin Marianne Koller-Bohl. Sie hat in ihrer Amtszeit als Volkswirtschaftsdirektorin viel erlebt und manchen Sturm überstanden.

Monika Egli
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«Ich konnte noch wichtige Projekte vorantreiben, aber jetzt lasse ich los»: Marianne Koller ist ab morgen Pensionärin. (Bild: Erich Brassel)

«Ich konnte noch wichtige Projekte vorantreiben, aber jetzt lasse ich los»: Marianne Koller ist ab morgen Pensionärin. (Bild: Erich Brassel)

Monika Egli

monika.egli@appenzellerzeitung.ch

In Marianne Kollers Zeit als FDP-Regierungsrätin blieb praktisch kein Stein auf dem anderen; aus zwei grossen Reorganisationen der kantonalen Verwaltung entstanden aus ursprünglich zwölf Direktionen die heutigen fünf Departemente. Die erste Zusammenlegung verschiedener Ressorts zu noch sieben Departementen fiel just mit ihrem Amtsantritt 2005 zusammen. Unter anderem wurde die Landwirtschaft der Volkswirtschaft angegliedert und dieses Departement Marianne Koller übergeben. «Ja, damals gab es deswegen politischen Knatsch», erinnert sie sich. «Das Umstrukturieren und Zusammenführen von Ressorts und Kulturen bereiteten mir zwar keine Schwierigkeiten; Führen und Organisieren lag mir, das hatte ich zuvor schon mein ganzes Berufsleben lang getan.» Aber der politische Einstieg «war dann nicht ganz einfach». Im Vorfeld ihrer Wahl war spekuliert worden, dass sie aufgrund ihres beruflichen Werdegangs das Gesundheitsdepartement und ihr damaliger SVP-Kollege Hans Diem das Volks- und Landwirtschaftsdepartement übernehmen würden. Aber mit Köbi Frei besetzte die SVP bereits die Finanzen und die FDP wollte die beiden gewichtigen Departemente nicht beide aus der Hand geben. «Ich war die Neue, ich nahm, was man mir gab.» Allerdings, sagt Marianne Koller, war sie sowieso nicht erpicht auf das Gesundheitsdepartement. «Das Gesundheitswesen kannte ich, ich wollte etwas anderes, und die Volkswirtschaft hat mich sehr interessiert.»

«Das ist mir bis heute unbegreiflich»

«Wenn man für den Regierungsrat kandidiert, braucht es Wurzeln, denn es kommen Gewitter», hatte die Teufnerin während des Wahlkampfs, den sie gegen SP-Frau Gabriele Barbey bestritt, in einem Interview gesagt. Und Gewitter hat sie mehr als eines erlebt. «Um im Bild zu bleiben: Ich konnte dank meiner Wurzeln zu einem kräftigen Baum heranwachsen und habe manchen Sturm überlebt, auch wenn es zuweilen Schrammen gab oder ein Ast wegbrach.» Aber heute zieht sie gelassen Bilanz: «Wenn man etwas verändert und gestaltet, ruft das immer auch Gegner auf den Plan. Das ist einfach so.» Wie damals in den Anfangszeiten, als sie das Amt für Wirtschaft gründete, was das Ende der externen Wirtschaftsförderung bedeutete und nicht allen passte. «Aber das war ein guter Schritt, wie sich nicht zuletzt nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 gezeigt hat.» Ein Amt für Wirtschaft, in dem alle Aufgaben umfassend integriert sind, «ist für jeden Kanton ein Muss». Heftige politische Stürme löste auch der Tourismus, «dieses hoch emotionale Thema», aus. Als die von Ausserrhoden angepeilte «Heirat» mit Innerrhoden nicht klappte, sei sie als Person sehr im Fokus gestanden. «Dass ein Zusammengehen mit Innerrhoden nicht möglich war, ist mir bis heute unbegreiflich.» Aber zusammen mit dem Kantons- und Regierungsrat setzte daraufhin eine Entwicklung ein, die auch Chancen bot, «zum Beispiel hat sich die Tourismusorganisation Atag (Appenzellerland Tourismusorganisation AG)professionalisieren können». Und der Prozess, den sie zusammen mit dem Kantonsrat durchlief und der in eine erfolgreiche Totalrevision des Tourismusgesetzes mündete, «war ein schönes Erlebnis». Letztlich liege vieles an der Kommunikation, lautet ihr Fazit.

Marianne Kollers Departement ist äusserst vielfältig, was ihr immer ausgezeichnet gefallen hat. So obliegt ihr auch der öffentliche Verkehr. Hier konnte sie zusammen mit den Kantonen St. Gallen und Appenzell Innerrhoden die Durchmesserlinie (DML) aufgleisen und damit ein Projekt zu Ende führen, das bereits seit 1973 ein Thema war. Auch dieses Vorhaben, bei dem Ausserrhoden den Lead hatte, begann mit einer Machbarkeitsstudie in ihrem ersten Jahr als Regierungsrätin. Als sich herausstellte, dass sich der Bund finanziell beteiligen würde, hiess das für Marianne Koller: «Jetzt oder nie, auch wenn dies zum Teil auf härtesten Widerstand stiess. Aber diese Riesenchance musste einfach gepackt werden.» Das Projekt ist abgeschlossen, der Riethüsli-Tunnel im Bau und der Bund wird sich mit gegen 40 Millionen Franken beteiligen. «Sonst hätten wir uns dies niemals leisten können.»

Der absolute Höhepunkt in der politischen Karriere von Marianne Koller war die zweijährige Amtszeit als Frau Landammann. Dass auch noch das Jubiläumsjahr «500 Jahre Mitgliedschaft in der Eidgenossenschaft» in diese Zeit fiel, war sozusagen das Sahnehäubchen. «In dieser Zeit als Landammann an vorderster Front mitmachen dürfen, das war einfach super. Ich hatte enorm viele Begegnungen, das gab Kitt in der Bevölkerung.» Wenn man Marianne Koller nach unvergesslichen Momenten fragt, dann wird die kampfwillige und humorvolle Frau ein wenig emotional. «Am meisten berührt haben mich immer die Begegnungen mit der Bevölkerung. Das hat mich stets sehr berührt. Wenn die Leute mir zeigten, wie sehr sie sich über meine Anwesenheit freuten, waren das sehr spezielle Momente. Sie gaben mir das Gefühl der Wertschätzung.» Dass mit ihrem Weggang der Frauenanteil in der Ausserrhoder Regierung auf Null fällt, bedauert sie ausserordentlich. «Ich finde es auch schade, dass meine Partei keine Frau aufstellen konnte.» Nur während ihres ersten Jahres war sie noch mit Alice Scherrer zusammen in der Regierung, anschliessend aber stets die einzige Frau. Ihr Urteil dazu: «Ich habe es gut überlebt und keinen Schaden genommen!» Sie sei zwar in der Minderheit gewesen, habe aber immer schon gewusst, dass man in jedem Fall eine klare Haltung haben und seine Sachen erkämpfen müsse.

Von weit mehr als 100 abrupt auf Null herunter

Heute ist Übergabetag. Nachfolger Dölf Biasotto wird als grössten Brocken das Baugesetz und den Richtplan übernehmen. Und morgen? «Fertig ist fertig», sagt Marianne Koller. Das abrupte Herunterfahren von weit mehr als 100 auf Null sieht sie unproblematisch, «eine Sache der Einstellung». So war es ihr wichtig, nach der neuerlichen Reorganisation und der Reduzierung der sieben auf fünf Departemente eine gute Kultur aufzubauen, sich in die neuen Bereiche einzuarbeiten und wichtige Projekte voranzutreiben. «Aber jetzt lasse ich los.» Sie habe ab morgen mehr Freizeit als je zuvor und sei glücklich, diese zusammen mit ihrem Mann verbringen zu können. «Es gibt zwar Anfragen, aber vorerst will ich gar nichts machen. Das ist eine neue Erfahrung.»

Für den Kanton erhofft sie sich eine erfolgreiche Zukunft und gute Lösungen für die Probleme, die anstehen. «Appenzell Ausserrhoden hat viel Potenzial, aber es braucht Einsatz und ‹Müüs›, um die grossen Herausforderungen zu meistern.»

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