Aus Vormund wird Beistand

HERISAU. Seit Januar 2013 gilt das neue Erwachsenenschutzrecht. Erste Erfahrungen mit der neuen Gesetzgebung sind gemäss dem Psychiatrischen Zentrum AR durchwegs positiv. Einen Wermutstropfen aber sieht Chefarzt Axel Weiss.

Stefan Feuerstein
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Axel Weiss, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, und Beiständin Rita Lengsfeld haben mit dem neuen Erwachsenenschutzrecht überwiegend positive Erfahrungen gemacht. (Bild: Stefan Feuerstein)

Axel Weiss, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, und Beiständin Rita Lengsfeld haben mit dem neuen Erwachsenenschutzrecht überwiegend positive Erfahrungen gemacht. (Bild: Stefan Feuerstein)

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen ihren Alltag nicht mehr selber bewältigen können. Viele der Betroffenen hatten bis Ende 2012 noch einen Vormund. Nach der neuen Gesetzgebung werden sie nun jedoch von einem Beistand begleitet, der je nach Notwendigkeit individuell angepasst unterstützend beisteht.

Name ist Programm

Allein die neue Namensgebung hat gemäss Axel Weiss, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, bereits eine positive Wirkung auf Betroffene: «Die Absicht des Gesetzgebers ist klar erkenntlich. Es geht nicht mehr darum, Menschen zu bevormunden, sondern ihnen als Beistand wirklich beizustehen.» So habe der Vormund früher auch die Pflicht gehabt, Personen zu beaufsichtigen, wohingegen heute ihr Schutz ganz im Vordergrund stehe.

Gemäss Weiss ist das revidierte Gesetz jedoch nicht nur «kosmetisch» verändert worden, sondern völlig neu aufgebaut. So bleiben Betroffene auch bei einer umfassenden Beistandschaft mündig, das Heiraten ist beispielsweise nach wie vor erlaubt, und die früher übliche Veröffentlichung der Namen Bevormundeter wurde abgeschafft.

Professionelle Behörde

Einen weiteren grossen Vorteil sieht der Chefarzt vor allem darin, dass sich nun ein professionelles Gremium um die Form der Beistandschaft kümmert. Waren früher in gewissen Gemeinden Freiwillige im Einsatz, um über eine Bevormundung zu entscheiden, prüft nun die Ausserrhoder Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde alle Fälle. Sie entscheidet darüber, ob eine Beistandschaft notwendig ist, und unterteilt je nach Intensität der nötigen Unterstützung in vier Stufen. «Heute befasst sich eine professionelle Behörde mit dieser Thematik, was eine deutliche Qualitätssteigerung mit sich bringt», so Weiss. Dabei stünden die Bedürfnisse Betroffener im Vordergrund, weswegen ihr Einverständnis in verschiedenen Belangen benötigt werde. «Nur wenn sie mit der Behandlung wirklich einverstanden sind, können wir langfristig eine wirkliche Verbesserung erzielen.»

Trotz der Vorzüge der neuen Gesetzgebung sieht Weiss noch einen Wermutstropfen. So habe die Vormundschaftsbehörde früher bei einer Unterbringung durch einen Arzt innerhalb von zwei Wochen nachprüfen müssen, wohingegen nun eine Frist von sechs Wochen gelte. «Dies macht die Abläufe zwar einfacher. Dass dagegen in Appenzell Ausserrhoden im Gegensatz zu anderen Kantonen aber nur mit hohen Kosten verbunden Rekurs eingelegt werden kann, darf einfach nicht sein.»

Verunsicherte Angehörige

Um erste Erfahrungen auszutauschen, veranstaltete das Psychiatrische Zentrum Appenzell Ausserrhoden kürzlich einen Angehörigentreff. Laut Rita Lengsfeld, welche die Angehörigentreffs leitet und ebenfalls als Beiständin tätig ist, sind die Rückmeldungen sowohl von Angehörigen als auch von Betroffenen überwiegend gut: «Wer heute einen Beistand hat, kann sich viel mehr einbringen als früher. Die Eigenverantwortung wurde gestärkt, und auch der Familiensolidarität kommt heute eine wichtigere Rolle zu.» So sei es beispielsweise nun möglich, dass Ehepartner die Beistandschaft übernehmen, was die Situation für viele Familien deutlich verbessere. Problemstellungen durch das revidierte Gesetz ergäben sich hingegen vor allem dadurch, dass Angehörige Aufgaben von Betroffenen übernehmen und sich unsicher seien, wo sie eigenverantwortlich handeln lassen sollten.

«Für viele Angehörige ist die Situation mit der Beistandschaft in ihrer jetzigen Form neu. Entsprechend muss sie sich erst einspielen», hält Rita Lengsfeld abschliessend fest.

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