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Aus Liebe zum Appenzellerland

Marco Tizzoni aus Waldstatt ist einer der wenigen sogenannten «Gürtler» der Region. In seiner Freizeit stellt der Einkäufer eines Industriebetriebs mit viel Liebe zum Detail Sennenhosenträger und «Chüeligürt» her.
David Scarano
Marco Tizzoni in seiner Werkstatt: Das «Gürtlen» soll Hobby bleiben, um die Leichtigkeit zu bewahren. (Bilder: David Scarano)

Marco Tizzoni in seiner Werkstatt: Das «Gürtlen» soll Hobby bleiben, um die Leichtigkeit zu bewahren. (Bilder: David Scarano)

WALDSTATT. Im Untergeschoss seines neu gebauten Appenzellerhauses in Waldstatt hat sich Marco Tizzoni eine funktionelle Werkstatt eingerichtet. In der Holzwand unterhalb der Fensterfront finden sich die 200 Punzen, die Schlagstempel für die Messingbearbeitung. Hier, in seinem Refugium, verbringt der 58-Jährige viele Stunden seiner Freizeit. Marco Tizzoni ist ein «Gürtler». So wurden früher Personen genannt, die Sennenhosenträger und «Chüeligürt» herstellen. Diese Kunst beherrschen nur noch eine Handvoll Männer in der Region. «Es ist ein uraltes Handwerk, das man pflegen muss, um es zu erhalten», sagt er.

Bündner mit Herisauer Genen

Marco Tizzoni ist im Herisauer Müli-Quartier aufgewachsen. Nach der Lehre als Feinmechaniker bei Huber+Suhner folgte ein Abstecher nach St. Moritz, danach kehrte er in den Ausserrhoder Hauptort zurück. Zunächst organisierte er bei der kantonalen Verwaltung das LAP-Wesen, ging später zurück in die Industrie. Seit 17 Jahren arbeitet er bei der Metrohm, vor einem Jahr zügelte er nach Waldstatt. Doch wie kommt ein Mann mit einem italienisch klingenden Namen dazu, ein urappenzellisches Kunsthandwerk zu pflegen? Zunächst dies: Tizzonis stammen nicht aus Italien, sondern aus dem romanischen Teil des Bündnerlandes. Tizzonis Vater zog von Chur nach Ausserrhoden, wo er in Herisau eine waschechte Ramsauerin heiratete. Die Gene müsse er wohl von seiner Mutter haben, sagt Marco Tizzoni scherzhaft. Bereits als Kleinkind verfiel er dem Brauchtum. «Das Zäuerlen der am Elternhaus vorbeiziehenden Sennen berührte mich damals schon im tiefsten Inneren», sagt er.

«Alles Handarbeit»

In seinem «Reich» steht Marco Tizzoni vor der Werkbank. In der Hand hält er den Bruststeg eines Sennenhosenträgers, dem nur noch der letzte Schliff fehlt. Über hundert Stunden hat der Hinterländer daran gearbeitet. «Alles Handarbeit», betont er. Zunächst erfolgt das Ziselieren, bei dem mit den Punzen die Verzierungen in das Messing geschlagen werden. Danach hat er die Durchbrechungen und die endgültige Form der Ornamente sowie des Brust- und des Rückensteges fein säuberlich ausgesägt. Zu seinen Spezialitäten gehört das Bombieren, dabei wird das 1,5 mm dicke Messing gewölbt. «Dadurch erhält der ganze Träger eine schöne plastische Wirkung», sagt er.

Die Hosenträger für die Tracht sind der Stolz der Sennen. Pro Stück kosten die Träger zwischen 3200 und 3500 Franken. Der Preis relativiert sich rasch: Alle Hosenträger sind Einzelstücke, die in dreimonatiger Handarbeit fertiggestellt werden. Der Gestaltungsspielraum ist beschränkt. Seit die ersten Ende des 18. Jahrhunderts aufkamen, ziert ein Alpaufzug den Bruststeg. Beim Rückensteg können sich die Sennen mit den Initialen verewigen sowie zwischen vorgegebenen Motiven, etwa einem Stier oder Lediwagen, auswählen. Alles andere lehnt Marco Tizzoni ab. Die traditionsbehaftete Sennengemeinschaft goutiere das nicht, sagt er. Beim «Chüeligurt», den er ebenfalls herstellt, sind die Kunden jedoch frei. Da kommt es vor, dass sich Bauern Traktore ziselieren lassen.

Werkzeuge selber hergestellt

Als «Gürtler» angefangen hat Marco Tizzoni Mitte der 1980er-Jahre. Damals trat der passionierte Sänger dem «Schötzechörli» bei, das in der Tracht auftritt. Weil die Anschaffung teuer war, entschied sich der Herisauer, den Sennenhosenträger selber herzustellen. Als Feinmechaniker brachte er das nötige Rüstzeug mit. Doch bevor er sich dem Kunsthandwerk widmen konnte, galt es, eine grosse Hürde zu überwinden: Er benötigte das passende Werkzeug. Punzen sind jedoch extrem teuer. Eine Firma im Jura offerierte den Satz von 200 Punzen für 24 000 Franken. Marco Tizzoni entschied sich, die Punzen selber herzustellen. Zwölf Monate wendete er dafür auf. Das Risiko war gross. «Es war unklar, ob die Werkzeuge zu gebrauchen waren», sagt er. Als Schwierigkeiten erwiesen sich das Härten und das Anlassen der Silberstahlstifte. Die Punzen dürfen nicht zu hart und nicht zu weich sein.

Nachdem er diese Hürde meisterte und alle Ornamente gezeichnet hatte, machte sich Marco Tizzoni an seinen ersten Sennenhosenträger. Er stellte eine Replica eines Johannes-Weishaupt-Stückes her. Der 1935 verstorbene Herisauer ist so etwas wie der Antonio Stradivari der Sennenhosenträger: «Er ist heute noch das Mass der Dinge», sagt Marco Tizzoni. Stück für Stück verbesserte er sich. Er vertiefte sich in die Fachliteratur. Schliesslich wagte er sich daran, eigene Ornamente zu entwerfen. Zugute kam ihm sein zeichnerisches Talent. Marco Tizzoni hat sich in der Szene mittlerweile einen Namen gemacht, wie die Auftragswarteliste zeigt. Er ist fast schon eine Marke. Geübte Augen erkennen auf den ersten Blick, ob es sich um einen «Tizzoni» handelt. Stolz erzählt er, wie auch kritische Landwirte seine Kühe loben.

Spätberufener «Schelli»

Marco Tizzoni ist mit dem Brauchtum so sehr verbunden, dass er gerne Bauer geworden wäre. Seinem «Traumberuf» kommt er immerhin einmal im Jahr nahe, wenn er an der Viehschau mithilft. Einen Traum, den er bereits aufgegeben hatte, konnte er sich vor wenigen Jahren erfüllen: Mit über 50 Jahren wurde er noch «Schelli» im Henderhof-Schuppel aus Herisau. Das «Gürteln» zum Beruf machen, will er nicht, da wegen des Verkaufsdrucks die Leichtigkeit verloren ginge. Wie gross Tizzonis Verbundenheit zum Brauchtum ist, zeigt schliesslich diese Schilderung. «Wenn ich einen fertigen Sonnenhosenträger in der Hand halte, weiss ich gar nicht, wie er entstanden ist. Die Liebe zum Appenzellerland muss meine Hand geführt haben.»

Marco Tizzoni stellt die Sennenhosenträger in reiner Handarbeit her.

Marco Tizzoni stellt die Sennenhosenträger in reiner Handarbeit her.

Bild: DAVID SCARANO

Bild: DAVID SCARANO

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