Aus dem Pendlerleben

Brosmete

Silvia Fritsche
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Aus einer Verstrickung unglücklicher Zufälle und unbedachter Handlungen kam es dazu, dass ich kurzzeitig das Verkehrsmittel für die Fahrt zur Arbeit wechseln musste. Ich fuhr Zug. Am ersten Tag war alles noch ganz fremd und ungewohnt und irgendwie spannend. So ein bisschen Schuelreisli-Stimmung. Das legte sich aber rasch.

Bereits am dritten Tag stellte sich nämlich schon fast ein Gefühl der Routine ein. Ich wurde morgens am Bahnhof von einem Pendler freundlich begrüsst. Ich stellte fest, dass man sich auf dem Perron immer ungefähr an denselben Stellen hinstellt, nämlich dort, wo sich nach Zugeinfahrt dann die Türe befindet. Auch setzt man sich immer ungefähr ins gleiche Abteil. So hat man «seinen» Platz. Allerdings sass ich auch schon zum dritten Mal mit derjenigen Person im Abteil, die schon all die Tage vorher eine spezielle Trinkflasche dabei hatte, die einen integrierten Schwingbesen hat und die nach jedem Schluck geräuschvoll geschüttelt werden muss. Es begann zu nerven.

Und dann gab es doch eine Abwechslung. Es stiegen zwei Frauen mit dunklerem Teint in den Zug. In einer Selbstverständlichkeit packten sie ihre Schminkutensilien aus und führten das ganze Programm durch. Und das ohne Spiegel! Nach fünfzehn Minuten bei lautstarkem Geplapper und zwei Telefonaten zwischendurch stiegen zwei ganz verwandelte Damen aus. Ich muss sie die ganze Zeit fasziniert angesehen haben. Wahrscheinlich stand mein Mund dabei auch noch offen.

Ansonsten beschränkten sich die Tätigkeiten auf vier Hauptbereiche: dösen, Musik hören, lesen oder ins Smartphone starren. Mich erstaunte, wie schnell sich neue Mödeli und Marotten einschleichen und wie schnell auch ich neue Angewohnheiten annahm.

Eines hat sich jedoch nicht geändert: Ich musste IMMER zum Bahnhof rennen.

Silvia Fritsche