Aus dem Leben eines Thurgauers

Brosmete

Elias Eggenberger
Drucken
Teilen

Ich habe mich mittlerweile an das deprimierende Leben als Thurgauer gewöhnt. Die Witze, die über unseren Dialekt gemacht werden, sind hart, ja, aber man kann sie wegstecken. Dass man uns nirgendwo in der Schweiz ernst nimmt, ist hart, ja, aber auch das kann ich wegstecken. Dass man den Thurgau ständig mit dem schrecklichen Lied «Leben und Sterben im Thurgau» in Verbindung bringt, ja, auch damit komme ich klar. In der Rekrutenschule musste ich ständig Witze über mich ergehen lassen, alles nur Gewohnheitssache. Die Berner, Appenzeller und gar die Walliser fühlten sich den Thurgauern überlegen. Das alles ist kein Problem und völlig normal für einen leidgeprüften Thurgauer wie mich.

Doch als ich letzten Donnerstag mit dem Bus von Gossau nach Herisau in die Redaktion unterwegs war, traf mich beinahe der Schlag. Das erste Mal wurde mir bewusst, dass der Thurgauerhass ein derartiges Ausmass angenommen hat, dass er nicht mehr zu stoppen ist. Ich wage sogar vom «Kantönligeist-Super-GAU» zu sprechen. Mittlerweile, so scheint es, machen sich nämlich nicht mehr nur Erwachsene und Jugendliche über Thurgauer lustig, sondern auch unschuldige Kinder. An der Kreuzstrasse stieg wie jeden Donnerstag eine Schulklasse, schätzungsweise Dritt- oder Viertklässler, in den Bus ein. Nichts Neues für mich, bis zu diesem Moment war alles ganz normal, ganz gewohnt. Doch dann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Zum Zeitvertrieb spielten die Kinder ein Spiel, das sich «Thurgauer» nennt. Sofort wurde ich aufmerksam. Ziel des sadistisch-masochistisch veranlagten Spiels ist es, sich gegenseitig zu schlagen. Einem anderen einen Schlag auf den Oberarm, oder besser einen «Lähmer», geben darf man, wenn ein Auto mit Thurgauer Kennzeichen vorbeifährt. Für die Kinder ein Schlag auf den Oberarm, für mich ein Schlag ins Gesicht. Weshalb muss es ausgerechnet das Thurgauer Kennzeichen sein und nicht etwa ein St. Galler oder ein Innerrhoder? Sind wir Thurgauer mittlerweile schon so unbeliebt, dass wir als Grund gelten, sich gegenseitig zu verhauen? Nein, das kann ich beim besten Willen nicht auf die leichte Schulter nehmen. So schlimm sind wir doch gar nicht. Wir haben den Bodensee, wir bauen die besten Schweizer Züge, und wir haben eine bemerkenswerte Weinkultur. Wir können vielleicht dieses vermaledeite «R» nicht aussprechen, aber das können die Innerrhoder auch nicht. Darüber lacht keiner. Im Gegenteil: Der Tourismus und die Appenzeller Kantonalbank nutzen den Dialekt gar für Werbung, dem Anschein nach erfolggekrönt. Würde das die Thurgauer Kantonalbank machen, wäre das der sichere Tod unserer Staatsbank.

Elias Eggenberger