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Auguste Boltes Entscheidungsmarathon

Man ahnte es und wusste trotzdem nicht, auf was man sich da einliess.
Michael Hug
Eier als Metapher: Volker Ranisch erzählte die tragikomische Geschichte von Kurt Schwitters «Auguste Bolte». (Bild: Michael Hug)

Eier als Metapher: Volker Ranisch erzählte die tragikomische Geschichte von Kurt Schwitters «Auguste Bolte». (Bild: Michael Hug)

Man ahnte es und wusste trotzdem nicht, auf was man sich da einliess. Es ist das Jahr des Dada-Jubiläums, und Volker Ranisch, der Meistererzähler, zitiert aus den Schriften eines anderen Meistererzählers, der zudem die Kunst der absurden – streng genommen konsequenten – gedanklichen Logik beherrschte, Kurt Schwitters. Das wird bestimmt interessant, da wird was los sein, sagten sich ein paar Ranisch-/Schwitter-/Chössi-/Dada-AnhängerInnen und suchten am Donnerstagabend das lokale Theater am Bahnhofplatz Lichtensteig auf.

Augustes Doktorarbeit

Da muss etwas los sein, sagte sich auch das Fräulein Auguste Bolte, die tragikomische Hauptfigur des Abends, deren Doktorarbeit Kurt Schwitter im Jahr 1923 zum Leitmotiv seiner Erzählung «Auguste Bolte» machte. Wenn also zehn Menschen alle in die gleiche Richtung laufen, muss in dieser Richtung etwas los sein, wusste Auguste und musste also diesen zehn unbedingt nachgehen. Währenddem Volker Ranisch die Gedankengänge des Autors Schwitter insofern, ob zwei mal zwei nun vier (mathematisch) oder fünf (philosophisch) ergäben, nachzuvollziehen versucht, muss Auguste vergegenwärtigen, dass sich die Zehnergruppe in zwei Hälften teilt und in entgegengesetzte Richtungen geht.

Sie eilt den einen nach

Das stellt Auguste vor das Problem, wo denn nun etwas los sei, ob in der einen oder anderen Richtung, also eilt sie den einen nach, nicht aber ohne die anderen aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet viel Stress und viel Verfolgungsarbeit, und Auguste, schwitzend und prustend, entledigt sich schliesslich aller ihrer momentan mitgetragener Habseligkeiten inklusive ihrer Kleider. Wie die Distanz für Auguste zunehmend grösser wird, legt ihr Schwitter, beziehungsweise Ranisch, Sätze in den Mund wie: «Der Mensch musste sich entscheiden. Und er musste sich entscheiden. Und er musste sich entscheiden, nicht weil er sich entscheiden musste, sondern gerade weil es an sich gleichgültig war, ob er sich entschied und wie er sich entschied.» Für Auguste endet der Entscheidungsmarathon tragisch: Sie wird für verrückt erklärt.

Im Paradies der Kunst

«Wenn zehn Menschen in ein und dieselbe Richtung gehen, kann etwas los sein. Braucht aber nicht unbedingt etwas los zu sein.» Herausgerissen aus dem Kontext der aktuellen Dada-Jubiläums-Euphorie, würden derartige Zitate wohl keine allzu bemerkenswerte Bedeutung erlangen. Nun ist aber Dada-Jahr und Volker Ranisch darf allen Ernstes Unernstzunehmendes auf der Bühne spinnen, Unzudenkendes konsequent durchdenken bis zum schieren Stuss. Doch hatte er nicht zu Beginn der Vorstellung gewarnt: «Lässt sich mit blossem Verstande überhaupt Kunst geniessen? Ich behaupte nein, man müsste diesen zumindest für eine Weile ausschalten können, so wie man einen Stiefel auszieht. Darum meine Damen und Herren, Stiefel aus – im Paradiese der Kunst geht man barfuss!»

Bleibt anzumerken, dass zu Zeiten des Nationalsozialismus das (metaphorische) Ausziehen der Stiefel nicht angesagt war. Kurt Schwitters (1887 bis 1948) Schriften wurden als «undeutsch» öffentlich verbrannt, er selbst als «entarteter» Künstler des Landes (Deutschland) verwiesen. Doch durch die exzellente Erzählkunst des Volker Ranisch und dem Dada-Jubiläum kommt man auch hierzulande wieder in den Genuss fertig gedachter Gedanken wie diesem: «Da der eine Absatz schief ist und das Leben relativ ist, ist der andere desto mehr graderer.»

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