Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Aufgeben kam nicht in Frage»

Bei einem Unfall im Jahr 2002 verlor Wisi Zgraggen aus Erstfeld beide Arme. Danach kämpfte er sich ins Leben und in seinen Beruf als Landwirt zurück. Am Mittwoch erzählte er an der Bäuerinnentagung in Wattwil von seinen Erfahrungen.
Anina Rütsche
Nach dem Vortrag beantwortet Wisi Zgraggen – hier mit Sohn Ivan – geduldig die Fragen des Publikums. (Bilder: Anina Rütsche)

Nach dem Vortrag beantwortet Wisi Zgraggen – hier mit Sohn Ivan – geduldig die Fragen des Publikums. (Bilder: Anina Rütsche)

WATTWIL. Ein Landwirt durch und durch, das ist Wisi Zgraggen. «Arbeiten ist für mich etwas vom Allerschönsten», sagt der 38-Jährige und lacht. Zusammen mit seiner Frau Angelika, mit der er vier Kinder hat, führt er auf dem Bielenhof in Erstfeld eine Zucht mit der Mutterkuh-Rasse Dexter.

Das alles ist für Wisi Zgraggen nicht selbstverständlich. Im Herbst 2002 hat er nämlich einen schweren Arbeitsunfall erlitten. Dabei wurden ihm von einer Rundballenpresse beide Arme abgetrennt – der rechte vollständig und der linke hinter dem Ellbogen. Doch für den jungen Urner war immer klar: «Geht nit, git's nit!» Und so dachte er sich Lösungen und Hilfsmittel aus, dank denen er schliesslich den Weg zurück in den Beruf gefunden hat. Am vergangenen Mittwoch berichtete Wisi Zgraggen vor rund 200 sichtlich beeindruckten Frauen an der Bäuerinnenversammlung im Wattwiler Thurparksaal aus seinem Leben.

Das Risiko unterschätzt

Dass er Bauer werden möchte, sei für ihn schon in der Kindheit klar gewesen, sagt Wisi Zgraggen: «Von klein auf war ich stark in den Betrieb integriert.» Also absolvierte er die entsprechende Lehre, anschliessend die Bauern- und dann die Betriebsleiterschule. Dann kam der verhängnisvolle 16. Oktober 2002. «Das war ein aussergewöhnlich warmer Föhntag», erinnert sich Wisi Zgraggen. Der damals 25-Jährige arbeitete gegen Abend alleine mit der Rundballenpresse auf einem Feld nahe des Bielenhofs. Diese Maschine war einige Monate zuvor in der Revision gewesen, und seither war sie störanfällig. «Weil das Netz nicht richtig gewickelt wurde, stieg ich hinauf und schaute bei laufendem Motor nach, was los war», erzählt Wisi Zgraggen. Er sei sich bewusst, dass er dadurch ein grosses Risiko in Kauf genommen habe, doch das könne bei allen mal vorkommen. Dann fiel der junge Vater um. «Mein rechter Arm wurde sofort in die Presse gezogen. Als ich mich abstossen wollte, geriet auch mein linker Arm hinein.» In diesem Moment habe er keinerlei Schmerzen verspürt, sagt der Bauer mit gefasster Stimme. «Die kamen erst später, im Rega-Heli.»

Arbeitsabläufe umgestaltet

Der Patient Wisi Zgraggen wurde zunächst im Zürcher Unispital betreut. «Zwei Wochen lang jeden zweiten Tag eine Operation», sagt der Urner, und ein Raunen geht durch den Saal. Nach etwas mehr als einem Monat habe schliesslich seine Rehabilitation in Bellikon angefangen. Diese dauerte von November 2002 bis Mitte Februar 2003. Danach – pünktlich zur Geburt seines zweiten Sohnes Reto – kehrte Wisi Zgraggen nach Erstfeld auf den Bielenhof zurück. Und er sagt rückblickend: «Als Reto da war, stand nicht mehr der Unfall im Mittelpunkt, sondern die Familie.»

Während Wisi Zgraggen im Spital und in der Reha war, nahmen seine Angehörigen auf dem Bielenhof verschiedene betriebliche Änderungen vor. So haben sie die Milchproduktion auf Ende 2002 eingestellt und das Zuchtvieh versteigert. Im Laufe der Zeit wurden die Arbeitsabläufe kontinuierlich vereinfacht oder auf Fusstechniken umgewandelt.

Eigene Prothese entwickelt

Nachdem der 38-Jährige den Frauen im Thurpark den Hergang seines Unfalls erklärt hat, streift er die Schuhe ab und bedient mit den Zehen eine Computermaus. So kann er dem Publikum per Beamer einige Fotos und Filme aus seinem Alltag zeigen. Man sieht ihn mit seiner Familie am Esstisch – die Gabel ist mit einem Klettband an Wisi Zgraggens Oberarm befestigt. Und man sieht ihn beim Autofahren – dank einer Spezialkonstruktion steuert er dieses mit dem linken Fuss. Wisi Zgraggen ist auch wieder mit dem Zweiachs-Mäher unterwegs. Er besitzt ein umgebautes Modell – lenken kann er es mit dem Armstumpf und per Fuss. Die Arbeit mit den Tieren und auf dem Feld habe für ihn nach wie vor eine grosse Bedeutung, sagt der Bauer, und er fügt an: «Ich wollte nicht von einer IV-Rente stillgelegt werden. Mir ist es sehr wichtig, dass ich zusätzlich selbständig erwerbend bin.» Im Laufe der Zeit fand er in den Betrieb zurück, 2005 absolvierte er seine Meisterprüfung. Auch die Freizeit bedeutet dem vierfachen Vater viel: Wisi Zgraggen fährt leidenschaftlich gerne Ski.

An seinem Stumpf trägt Wisi Zgraggen eine Prothese mit zwei metallenen Greifhaken, die er gemeinsam mit einem Orthopäden entwickelt hat. «Die klassischen Prothesen, die aussehen wie Hände, waren nichts für mich», erklärt der Urner augenzwinkernd. «Diese gingen bei der kleinsten Belastung kaputt, und das kann ich nicht brauchen, wenn ich am Wärche bin.»

www.dexterzucht.ch

Auch musikalische Darbietungen gehörten zur Bäuerinnentagung im Thurpark.

Auch musikalische Darbietungen gehörten zur Bäuerinnentagung im Thurpark.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.