Aufbauprozess kommt in Gang

Die Möglichkeiten, sich als Privatperson oder Firma mit einem Projekt oder speziellen Angebot an einem Naturpark zu beteiligen, sind vielfältig. Um langfristig den Erfolg solcher Vorhaben sicherzustellen, ist deren Vernetzung unabdingbar, wie es drei bereits bestehende Naturpärke zeigen.

Urs M. Hemm
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NECKERTAL. Ein Naturpark lebt grundsätzlich einerseits von der Schönheit und Einzigartigkeit seiner Landschaft. Andererseits sollen im besten Fall die Besucher aber mit mehr als nur schönen Erinnerungen nach Hause gehen. Dies kann als geistiges Gepäck Wissen sein, welches sich die Besucher durch Bildungsangebote, beispielsweise in den Bereichen Kultur oder Geschichte aneignen. Oder handfeste Souvenirs, wie regionale Spezialitäten oder Handwerkskunst, welche das Gebiet des Naturparks auszeichnen. Aus diesem Grund sind die Verantwortlichen des Projekts Naturpark Neckertal an einer Bestandsaufnahme von bereits existierenden Angeboten sowie Ideen in den Bereichen regionale Produkte, Tourismus und Bildungsangebote. Diese sollen in das Gesamtprojekt einfliessen.

Ideenkatalog ist am wachsen

Gemäss derzeitigem Stand sind die Informationen über Angebote aus dem Bereich Tourismus am vollständigsten, sagt Adrian Steiner, Geschäftsführer des Vereins Naturpark Neckertal. Diese umfassen unter anderem kulturelle Angebote, Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten oder Sehenswürdigkeiten. «Wir haben mit Hilfe der Verkehrsvereine eine Liste zusammengestellt, die zurzeit rund 150 verschiedene Adressen und Orte beinhaltet. In den vergangenen Wochen sind rund 30 Rückmeldungen aufgrund unseres Aufrufs im Gemeindeblatt eingegangen», so Adrian Steiner. Die Listen in den Bereichen regionale Spezialitäten sowie Bildung seien ebenfalls in Bearbeitung. «Wir sind uns bewusst, dass unser Aufruf erst der erste Schritt in einem langen Entwicklungsprozess hin zu einer verstärkten Nutzung der Angebote im Naturpark Neckertal ist», betont Adrian Steiner. Die grosse Herausforderung werde es sein, diese vielen verschiedenen Puzzleteile zu stimmigen Gesamtbildern zusammenzusetzen – und zwar für Besucher und Einheimische.

Ausbauen und vernetzen

«In einer ähnlichen Ausgangslage wie das Neckertal befand sich auch unsere Region», sagt Hans Weber, Geschäftsführer des regionalen Naturparks Thal im Solothurner Jura, der 2009 das Label erhalten hat. «Als Mitte der Neunzigerjahre die Uhrenindustrie aus dem Tal abwanderte und grosse Arbeitgeber ihre Produktionen verlagerten, musste etwas passieren», erläutert Hans Weber. Der Verein Region Thal verfolgte schon seit langem die regionale Entwicklung in den Bereichen Ökologie, Tourismus und einheimisches Gewerbe. Zusammen mit der charakteristischen Kettenjura-Landschaft seien ideale Voraussetzungen für die Errichtung eines Naturparks gegeben gewesen. «Auf Initiative des Vereins Thal hat bereits vor dem Projekt Naturpark eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Verein, Privaten und Firmen stattgefunden. Es ging also am Schluss grundsätzlich nur noch darum, diese Angebote auszubauen und vor allem besser zu vernetzen», so Hans Weber. Konkret sind das beispielsweise Wanderwege, welche die Natur, aber auch die industrielle Vergangenheit Thals thematisieren und mit einer Führung durch eine kleine Käserei mit anschliessender Degustation regionaler Produkte abschliessen können. «Wichtig ist, dass alle Leistungsträger, insbesondere Landwirtschaft, Gewerbe und Gastgewerbe, involviert sind und derart zusammenarbeiten, dass am Schluss alle voneinander profitieren», betont Hans Weber.

Im Bündnerland, am anderen Ende der Schweiz, liegt die Biosfera Val Müstair, Biosphäre und regionaler Naturpark seit 2010. «Mit den Vorbereitungen für das Erlangen des Naturpark-Labels haben wir bereits im Jahr 2003 begonnen, weil wir gesehen haben, dass wir mit unserer isolierten Lage ansonsten noch mehr in eine wirtschaftliche Schieflage kommen und dass noch mehr, vor allem Junge, das Tal verlassen», sagt Gabriella Binkert Becchetti, Direktorin des Naturparks Val Müstair. Dieses Bewusstsein sei von Anfang an breit in der Bevölkerung verankert gewesen, so dass derart viele Ideen für den Naturpark eingingen, dass es schwierig gewesen sei, diese zu filtern und zu ordnen. Heute gebe es ganzjährig verschiedene Angebote im Agrotourismus und spezielle Naturreisen im Sommer. «Einen grossen Beitrag leisten Produzenten regionaler Spezialitäten, wie Käse, Gebäck oder Fleischerzeugnisse, die speziell Produkte für eine Naturpark-Geschenkkiste aus Arvenholz entwickelten.» Diese Produkte gebe es aber auch in allen Geschäften zu kaufen und werden in Restaurants und Hotels verarbeitet. «Bei allem, was wir anbieten soll das Ziel sein, dass nach Möglichkeit alle im Tal in irgend einer Weise davon profitieren können», so Gabriella Binkert Becchetti.

Stete Information gegen Ängste

Davon, dass nicht immer alles von Beginn an rund läuft, weiss Ueli Sali, Geschäftsführer des regionalen Naturparks Diemtigtal im Kanton Bern zu berichten. Diesen Naturpark gibt es seit November 2011. «Wir haben bis heute gegen Ängste und Skepsis anzukämpfen, dass mit dem Naturpark alles reglementiert und der Alltag dadurch eingeschränkt werden könnte», berichtet Ueli Sali. Doch durch stete Information und Kommunikation über die Tätigkeiten im Rahmen des Naturparks nehme es mehr und mehr ab. Langsam, aber sicher würden sich auch die Auswirkungen des Labels auf Übernachtungszahlen und die Verkäufe von Spezialitäten bemerkbar machen, was die Bevölkerung positiv stimme. «Die Menschen spüren, dass etwas Neues entsteht, was sie zusammen gestaltet haben. Sie identifizieren sich mit dem Naturpark und den Angeboten, die sie den Besuchern bieten», so Ueli Sali. Dieses Wir-Gefühl könne aber nur entstehen, wenn man die Bedenken und Ängste der Menschen ernst nehme und in seinen Plänen und Entscheidungen berücksichtige. «Nur so kann jeder Beteiligte mit Überzeugung dahinter stehen. Und je mehr man sich dann mit der Materie beschäftigt, umso mehr Ideen entstehen, die über den eigenen Horizont hinausgehen und den Naturpark als das sehen, was er ist, ein Gemeinschaftsprojekt aller Diemtigtaler.»