Auf Spurensuche des Verlegerpaars

Das Verlegerpaar Ida und Arthur Niggli gilt als die Avantgarde im Verlagswesen und in der bildenden Kunst. In jungen Jahren wurde Arthur Niggli Verlagsleiter bei Zollikofer, später gründete er den Verlag Niggli in Teufen. Nigglis griffen oft als erste auf, was in der Luft lag.

Margrith Widmer
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ETH- und MIT-Professor Sigfried Giedions Buch über Gropius (1954).

ETH- und MIT-Professor Sigfried Giedions Buch über Gropius (1954).

AUSSERRHODEN. Eine grüne Fassade in Niederteufen, eine Frau im «Morgenrock» – daran erinnert sich Gemeinderat Martin Ruff, Präsident der Kulturkommission, wenn er an den Verlag und die Galerie Niggli denkt. Kürzlich gingen die Enkelin des Verlegerehepaars Diana Keller, Landammann Matthias Weishaupt, die Leiterin der Kantonsbibliothek Heidi Eisenhut und Hanspeter Spörri, Moderation, in einem Gespräch im Zeughaus auf Spurensuche des Verlegerpaars Ida und Arthur Niggli. Titel: «avantgardistisch, mutig und zornig». Hanspeter Spörri erinnerte sich, wie er als zehnjähriger Knirps Ida Niggli im Café Spörri kennenlernte. Damals wurde im Café eine neue Toilette eingeweiht. Ida Niggli sorgte dafür, dass über die Vernissage schweizweit berichtet wurde.

Legendär war der Zwist des Ehepaars Niggli mit den Teufner Gemeindebehörden um eine Baubewilligung. Ida Niggli verteidigte sich selber vor Gericht – schliesslich gab ihr das Bundesgericht recht. Das Haus wurde nie gebaut. Nigglis waren total erschöpft.

Von Zürich nach Teufen

Der Zürcher Buchhändler Arthur Niggli (1923–2000) wurde mit 21 Verlagsleiter bei Zollikofer (St. Galler Tagblatt). 1950 gründete er den Verlag Niggli in Teufen; die Teufnerin Ida Riklin und Arthur Niggli heirateten im selben Jahr in England. Erst lebten sie im Schlipf, der Verlag befand sich im Stofel; 1966 zogen sie mit Verlag und Galerie auf den Böhl in Niederteufen; von 1983 bis 1989 befanden sich Galerie, Buchhandlung und Verlag an der Hauptstrasse in Niederteufen; dort betrieben sie zeitweise auch ein Café.

Eine Sammlung geschenkt

Landammann Matthias Weishaupt konnte 2001 als Leiter der Kantonsbibliothek den gesamten Bestand des Verlags Niggli übernehmen.

Eigentlich hat die Kantonsbibliothek die Aufgabe, alle im Kanton erschienenen Bücher sowie jene von einheimischen Autoren und Bücher übers Appenzellerland zu erwerben. Das hätte die Ausserrhoder Kantonsbibliothek auch in den 1950er- bis in die 1970er-Jahre tun müssen. Doch der frühere Leiter der Kantonsbibliothek «Bartli» Walter Schläpfer hatte dies absichtlich unterlassen, weil ihm Ida und Arthur Niggli politisch nicht in den Kram passten.

«Alpstein» von Herbert Mäder

Dass die Bücher des Verlags Niggli in die Kantonsbibliothek kamen sei – so Weishaupt – «wie eine Versöhnung» gewesen. Er habe «grosse Ohren» benötigt: Ida Niggli habe «schwere Geschichten» erzählt; wie sie nahezu zeitlebens «im Schussfeld» gestanden habe.

Einer der ersten Fotobände aus dem Niggli-Verlag war «Alpstein» von Herbert Mäder, 1956. Der Niggli-Verlag war einer der bedeutendsten Verlage für Architektur in der Schweiz. Heidi Eisenhut, die heute die Sammlung Niggli pflegt, wies auf eines der ersten Bücher aus dem Verlag hin: «Ikebana» war der Kunst des Blumenarrangements gewidmet und wurde von Verlegerkollegen belächelt – später wurde Ikebana Mode.

Preisgekrönt

Nigglis griffen fast immer als erste auf, was in der Luft lag: Architektur, Design, Avantgarde. Der Niggli-Verlag publizierte Monographien über Schweizer Architekten, über Typographie, Kunst aus dem Umfeld des Bauhauses, Corbusier, Gropius, aber auch Dadaismus und PopArt; bei Niggli erschien eine der ersten Monographien über Andy Warhol. Arthur Niggli gestaltete Umschläge und Layout meist selber; dafür wurde er mehrmals ausgezeichnet. Er publizierte als einer der ersten Kunstbände, unter anderem von Christo mit signierten und numerierten Originalgrafiken.

Erste Wertschätzung

Die Kantonsbibliothek gestaltete eine Ausstellung mit den Covers der Niggli-Bücher; das war das erste Zeichen von Wertschätzung ihrer Arbeit im Kanton. Früh schon waren die meisten Niggli-Bücher dreisprachig – so Eisenhut – sie wurden auch zum grössten Teil exportiert. Ida Niggli übersetzte zahlreiche Bücher; der Verlag war international vernetzt, wie Diana Keller sagte.

Mut und Zorn

Hanspeter Spörri berichtete, wie sich Arthur Niggli vor den Nationalratswahlen 1983 gegen den parteilosen Kandidaten Herbert Mäder wandte: In einem Leserbrief bezeichnete Niggli Mäder als «Dienstverweigerer» und «Kommunisten». Mäder wurde glanzvoll gewählt; er gehörte dem Nationalrat bis 1995 an.

Mut und Zorn gehören beim Ehepaar Niggli nah zusammen: Sie waren glühende Anti-faschisten und Antikommunisten; sie waren streitbar und Arthur Niggli war ein «Bhopti», wie sich ein Zuhörer erinnerte. Beide konnten sich glorios ereifern und aufregen: «Aber, wenn es vorbei war, war alles wieder gut», sagte Diana Keller – die Enkelin erinnerte sich an «sehr liebevolle, wunderbare Grosseltern».

Weitere Schenkungen geplant

«Die Schenkung war grossartig», sagte Matthias Weishaupt. Es werde eine zweite Etappe der Übergabe von Büchern aus dem Niggli-Verlag geben, kündigte Heidi Eisenhut an. Im Juni 2015 konnte sie das Archiv der Verlage Niggli-Benteli besichtigen.

Im Jahr 1988 zog der Niggli-Verlag zum Weber Druck + Verlag, Heiden. Im Oktober 2014 wurden die Verlage Niggli und Benteli in Sulgen an die Braun Publishing AG in Salenstein verkauft. Die Verlage zogen nach Zürich um.

Cover der dreisprachigen Ausgabe zum Dadaismus (2. Auflage, 1961).

Cover der dreisprachigen Ausgabe zum Dadaismus (2. Auflage, 1961).

Schwarz-Weiss-Bild des Verlegers Arthur Niggli (1923–2000). (Bilder: pd)

Schwarz-Weiss-Bild des Verlegers Arthur Niggli (1923–2000). (Bilder: pd)

Der Sportjournalist Joubert berichtete von den Courts dieser Welt (1956).

Der Sportjournalist Joubert berichtete von den Courts dieser Welt (1956).

Das Cover-Foto des Architekturbandes «Hans Bernoulli – 1876–1959 mit Werkkatalog».

Das Cover-Foto des Architekturbandes «Hans Bernoulli – 1876–1959 mit Werkkatalog».