Auf den Spuren der Firma Heberlein

WATTWIL. Vor bald 15 Jahren musste die Firma Heberlein-Textildruck ihre Türen für immer schliessen. Damals sass der Schock tief, doch wer genau hinsieht, erkennt: Die über 150 Jahre Firmengeschichte von Heberlein hinterliessen nachhaltige Spuren im ganzen Toggenburg.

Jeannette Ringger
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Das 1924 eingeweihte Volkshaus, heute «Thurpark», wurde grösstenteils von der Heberlein finanziert und war ein Geschenk an die Gemeinde. (Bild: pd)

Das 1924 eingeweihte Volkshaus, heute «Thurpark», wurde grösstenteils von der Heberlein finanziert und war ein Geschenk an die Gemeinde. (Bild: pd)

Aus einer kleinen Färberei entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert dank viel Geschick und Knochenarbeit der Familie Heberlein eine grosse Textilfirma, deren Arbeit das Leben der Wattwilerinnen und Wattwiler prägte. Doch im Jahr 2001 musste die Heberlein-Textildruck AG geschlossen werden. Eine Ära ging zu Ende, doch die Spuren der Weltfirma blieben dem Toggenburg, zum Teil mehr, zum Teil weniger offensichtlich, erhalten.

Rietwis-Areal

Das flächenmässig grösste Überbleibsel ist wohl das ehemalige Firmenareal der Heberlein in der Rietwis. Viele der ursprünglichen Gebäude fielen nach der Schliessung dem Rückbau zum Opfer und wurden durch das neue Wohn- und Geschäftsviertel ersetzt. Das im Baujahr 1971 mit einem Architekturpreis ausgezeichnete Bürogebäude, der sogenannte «Glaspalast», wird jedoch weiterhin voll genutzt – genauso auch das sorgfältig renovierte ehemalige Bleichereigebäude, heute bekannt als «Casablanca», und das «Art 70», wo heute verschiedene Betriebe und ein Fitnesscenter untergebracht sind.

Nicht zum Rietwis-Areal, aber auch zu den Produktionsgebäuden gehörte das einstige Schwegler-Areal an der Bleikenstrasse. Als die Maschinenfabrik Schwegler 1927 stillgelegt wurde, ergriff Heberlein die Chance und kaufte sie. Heberlein fabrizierte darin später zum Beispiel das berühmte Helanca-Garn.

Erste Thurkorrektion

Aber nicht nur verschiedenste Wohn- und Industriegebäude gehören zum Vermächtnis der Textilfirma. So setzte sich Georges Heberlein als Gemeinderatsmitglied für die Thurkorrektion von 1907 und trat damit für das zukünftige Allgemeinwohl ein, statt die Interessen seiner Firma in den Vordergrund zu stellen. Denn durch die Korrektion wurde Heberleins Färberei die Wasserkraftnutzung entzogen.

Wohnungen nur für Heberlianer

Viele von Heberleins Angestellten, die «Heberlianer», zogen nach Wattwil. Im Jahr 1961 arbeiteten von 3000 der in Wattwil ansässigen Erwerbstätigen 1078 bei Heberlein. Aufgrund der schwierigen Wohnungssituation baute die Textilfirma Zwei- und Einfamilienhäuser, um ihren Arbeitern eine möglichst günstige und gleichzeitig komfortable Wohngelegenheit bieten zu können. Als erstes wurden an der Ebnaterstrasse und in der Rietwis Zweifamilienhäuser errichtet. 20 Jahre später, in den Vierzigerjahren, wurden dann das Brendiquartier an der Rickenstrasse und die Espensiedlung oberhalb der Ebnaterstrasse errichtet. Wenn ein Eigentümer einer Wohnung die Firma verliess, musste er die Wohnung wieder an Heberlein verkaufen. So wurde sichergestellt, dass nur Heberlianer in diesen Quartieren wohnten, denn die Warteschlange für die verhältnismässig billigen Häuser war lang.

Doch die Belegschaft wuchs weiter und in der Hochblüte der 60er reichten die vorhandenen Wohnungen und Häuser nicht mehr aus. Da man nicht genug Land besass, um noch viele Einfamilienhäuser zu errichten, kam man auf die Idee der Hochhäuser. Die «drei Schwurfinger», wie sie oft auch genannt wurden, ragten ab 1970, nach nur rund einem Jahr Bauzeit, hoch aus dem Talboden. Die drei Gebäude boten insgesamt 135 Wohnungen auf je 15 Stockwerken. 1971 wurden in der Wis weitere Wohnblöcke geplant, doch als sie im Jahr 1975 bezugsfertig waren, hatte die Textilkrise bereits eingesetzt und die Wohnungen konnten nur schlecht vermietet werden.

Heberlein schenkt ein Volkshaus

Die Firma Heberlein engagierte sich nicht nur sehr für seine Angestellten, sondern für die ganze Gemeinde. So übernahm sie 1924 mehr als 90 Prozent der Kosten für den Bau des Volkshauses, welches ein Ort für gesellschaftliche und kulturelle Begegnungen wurde. Nach der Eröffnung übertrug Heberlein den heutigen «Thurpark» mit einem Schenkungsvertrag schuldenfrei an die Politische Gemeinde Wattwil und machte der ganzen Region das vielleicht nachhaltigste Geschenk.

Bis Mitte 2016 ist im Gemeindehaus Wattwil eine Fotoausstellung mit Bildern aus den Archiven der Heberlein AG zu sehen.

Entlang der Ebnaterstrasse baute Heberlein 1905/06 mehrere Zweifamilienhäuser für die Mitarbeiter. (Bild: pd)

Entlang der Ebnaterstrasse baute Heberlein 1905/06 mehrere Zweifamilienhäuser für die Mitarbeiter. (Bild: pd)

Diese Luftaufnahme zeigt das Heberlein-Areal (unten Mitte: Helanca, oben Mitte: Rietwis) im Mai 1966. (Bild: pd)

Diese Luftaufnahme zeigt das Heberlein-Areal (unten Mitte: Helanca, oben Mitte: Rietwis) im Mai 1966. (Bild: pd)

1921 bezog Dr. Georges Heberlein die «Wanne». (Bild: Jeannette Ringger)

1921 bezog Dr. Georges Heberlein die «Wanne». (Bild: Jeannette Ringger)

Die 1972 fertiggestellten Hochhäuser in Ulisbach. (Bild: Jeannette Ringger)

Die 1972 fertiggestellten Hochhäuser in Ulisbach. (Bild: Jeannette Ringger)

Vor allem die Landschaft rund um die Brendi hat sich verändert. (Bild: Jeannette Ringger)

Vor allem die Landschaft rund um die Brendi hat sich verändert. (Bild: Jeannette Ringger)

1941 zogen 26 Heberlianer mit ihren Familien in ein Brendi-Haus ein. (Bild: pd)

1941 zogen 26 Heberlianer mit ihren Familien in ein Brendi-Haus ein. (Bild: pd)