Es muss nicht immer nur Mozart und Haydn sein: Auch Unbekanntes hat seinen Reiz

Bekanntem und weniger Bekanntem aus der Wiener Vorklassik und Klassik konnte am Sonntag begegnen, wer in der reformierten Kirche Rehetobel dem Konzertabend mit dem Haydn-Mozart-Kammerorchester beiwohnte. Das unter der Leitung von René Häfelfinger stehende Ensemble brachte Werke von Georg Christoph Wagenseil, Wolfgang Amadeus Mozart, Matthias Georg Monn und Joseph Haydn zur Aufführung.

Martin Hüsler
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Das Haydn-Mozart-Kammerorchester.

Das Haydn-Mozart-Kammerorchester.

Bild: PD

Bei der Lesegesellschaft Dorf als Veranstalterin von «Konzerte in Rehetobel» bangte man bis kurz vor dem Anlass, ob er angesichts des beängstigenden Coronafall-Kurvenverlaufs überhaupt stattfinden könne. Das Zittern mündete nicht in Enttäuschung, sodass Sarah Kohler, Präsidentin der Lesegesellschaft, doch eine ansehnliche und den Schutzmassnahmen Rechnung tragende Zuhörerschaft begrüssen konnte. So liess sich auch eine coronabedingt vorgenommene Programmänderung verschmerzen, indem statt der sogenannten Feuer-Sinfonie Nr. 59 von Joseph Haydn seine Sinfonie Nr. 16 in B-Dur ins Programm genommen wurde. Der Grund: Eine Hornistin aus Deutschland musste kurzfristig durch einen Hornisten ersetzt werden.

Herzerfrischende Entdeckungen

Georg Christoph Wagenseil (1715–1777) und Matthias Georg Monn (1717–1750), zwei Wiener Komponisten, die als Vorläufer, wenn nicht gar als Wegbereiter von Haydn und Mozart eingereiht werden können. Die Nachwelt hat es nicht eben gut gemeint mit ihnen. Obwohl beide ein quantitativ bemerkenswertes Oeuvre hinterlassen haben, taucht es selten bis nie in Konzertsälen auf. Immerhin hat sich Arnold Schönberg eines von Monns Cembalokonzerten angenommen und es umgestaltet.

Dabei verdiente beider Hinterlassenschaft stärkere Beachtung. Schon bei den ersten Takten von Wagenseils Sinfonie g-Moll und von Monns Streichersinfonie G-Dur mag sich dieser und jene im Publikum gedacht haben: Warum bloss bleibt solche Musik in den Schubladen? Herzerfrischend kamen die beiden je dreisätzigen Werke daher – einfach strukturiert zwar, aber doch durchsetzt mit schönen Inspirationen und voller Melodienreichtum. Diesen verstand das Orchester mit seinem in unaufgeregter Schlagtechnik agierenden Leiter René Häfelfinger wunderbar herauszuarbeiten. Es ist durchaus das Verdienst von kleineren Formationen, wenn sie Musik ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit rücken, die ansonsten dem Vergessen anheimgegeben wäre.

Vorzügliche Solistin

Im Zentrum des Abends stand Mozarts Fagott-Konzert B-Dur. In der Konzertliteratur herrscht an Kompositionen mit dem Fagott als solistisch eingesetztes Instrument keine Überfülle. Umso freudiger geniesst man die wenigen Werke dieser Gattung. Und ein unumschränkter Genuss war es, sich der Interpretation des Soloparts durch Klara Baszun hinzugeben. Die in Ungarn und in Zürich ausgebildete Fagottistin wurde ihrer Aufgabe in brillanter Weise gerecht. Im Kopfsatz traf sie den zweimal zu meisternden heiklen Tiefton in Exposition und Reprise punktgenau. Und in den Kadenzen offenbarte sie viel mutige Eigenwilligkeit. Und dem Orchester auferlegte der Dirigent die nötige Zurückhaltung, damit die Solistin zur Geltung kommen konnte.

Der Programmtausch bei den Haydn-Sinfonien liess Bekanntschaft machen mit der dreisätzigen, in B-Dur stehenden Sinfonie Nr. 16, die statt der Feuer-Sinfonie erklang. Sie erschien uns mit ihren kontrapunktisch interessanten Auftakt durchaus als ein vollwertiger Ersatz, wenn man dem überhaupt so sagen darf. Besonders zu gefallen, wusste namentlich der dritte Satz Allegro assai, der erahnen lässt, zu welcher Meisterschaft es Joseph Haydn als Sinfoniker bringen sollte.

Mit einer Caccia aus einer Mozart-Serenade als Zugabe setzte das Haydn-Mozart-Kammerorchester den Schlusspunkt hinter den anregenden Konzertabend.