Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Auch hier wurde fremdplaziert

Bis 1981 konnten Behörden in der Schweiz ohne richterlichen Entscheid Personen, häufig Kinder, zwangsmässig in Heimen internieren. Allein in Appenzell Ausserrhoden rechnet man mit rund 1000 Betroffenen zwischen 1880 und 1980.
Roman Hertler
In Appenzell Ausserrhoden waren vor allem Kinder von behördlich angeordneten Fremdplazierungen betroffen. (Bild: ky/Symbolbild)

In Appenzell Ausserrhoden waren vor allem Kinder von behördlich angeordneten Fremdplazierungen betroffen. (Bild: ky/Symbolbild)

APPENZELLERLAND. Ein dunkles Kapitel der schweizerischen Sozialpolitik betrifft auch das Appenzellerland. Mit oft fadenscheinigen Begründungen wie «Arbeitsscheue», «Liederlichkeit» oder «lasterhafter Lebenswandel» wurden Menschen behördlich verordnet fremdplaziert, interniert, in Extremfällen gar zwangssterilisiert oder -kastriert. Kinder wurden ihren Eltern entrissen; Geschwister voneinander getrennt; Verhaltensauffällige in Zwangsarbeitsanstalten oder Behinderte in Heime gesteckt.

1000 Opfer der Behördenwillkür

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen ohne richterlichen Beschluss und ohne Rekursmöglichkeit waren schweizweit bis 1981 möglich – und wurden auch im Appenzellerland häufig angewandt. Im Ausserrhoder Staatsarchiv geht man für den Zeitraum 1880 bis 1980 von rund 1000 Fällen im Kanton aus. «Angesichts des heutigen Forschungsstandes sind das legitime Hochrechnungen», sagt Peter Witschi, Leiter des Ausserrhoder Staatsarchivs. Die entsprechenden Akten wurden lange unter Verschluss gehalten. «Es besteht nun grosser Bedarf an einer vertieften historischen Aufarbeitung des vorhandenen Datenmaterials», so Witschi.

Private Heime ohne Kontrolle

Kathrin Hoesli, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Staatsarchivs, betont die Besonderheit der Ausserrhoder Heimlandschaft. Nebst den staatlich und kommunal geführten Anstalten gab es auf Kantonsgebiet eine vergleichsweise grosse Anzahl privat betriebener Heime, in die Kinder fremdplaziert und verhaltensauffällige oder behinderte Jugendliche und Erwachsene versorgt wurden. Diese Heime unterstanden keiner staatlichen Kontrolle. Es gab dafür auch kein zentrales Register beim Kanton. Aufgrund dessen und einer äusserst kostengünstigen Betriebsführung, die hier möglich war, seien die privaten Heime «konkurrenzfähig» gewesen, erklärt Peter Witschi. So seien immer wieder auswärtigen Behörden unliebsam gewordene Menschen – beispielsweise aus Zürich oder Winterthur – in Ausserrhodischen Privatinstitutionen untergebracht worden.

Die kantonalen Behörden wussten nie genau, wann und wo wie viele Personen untergebracht waren. Denn einerseits waren administrative Versorgungen Sache der Gemeinden. Andererseits wurden beim Kanton keine Register über private Institutionen geführt. «Die Aktenlage ist daher nicht einfach», sagt Kathrin Hoesli. «Wir haben auf Kantonsgebiet bisher 68 solcher privater Institutionen ausgemacht. Das heisst aber noch nicht, dass wir auch Kenntnis über vorhandene Dokumente zu den entsprechenden Einzelfällen haben.» Denn diese lagern in vielen Fällen in den Gemeindearchiven, falls überhaupt noch Akten existieren.

Archive sind Anlaufstelle

Seit Juni ist das Staatsarchiv offizielle Anlaufstelle für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Die entsprechende Funktion hat das Innerrhoder Landesarchiv inne. Die Archive ermöglichen es Betroffenen, Einsicht in die Akten zu nehmen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Kantons- oder Gemeindebehörden in den Fall involviert waren. Das Ausserrhoder Staatsarchiv gibt an, dass bereits ein halbes Dutzend Personen Interesse an einer Akteneinsicht bekundet hätten. Der Innerrhoder Landesarchivar Sandro Frefel bestätigt vier Anfragen. Eine weitere Anlaufstelle ist die Opferhilfe der Kantone St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. Auch dort sind bereits Anfragen eingegangen.

Weitere Informationen unter: www.administrativ-versorgte.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.