Auch der Verheiratete hat Grenzen

Dreizehn Jahre lang war Bernhard Sohmer katholischer Pfarrer in Mosnang. Ende Mai geht er, nicht ganz. Er wird weiterhin aushelfen. Er wurde Priester in einer Zeit des innerkirchlichen Aufbruchs. Heute wollen nur noch wenige katholischer Pfarrer werden.

Merken
Drucken
Teilen

Herr Pfarrer Sohmer, was hat Sie dazu bewogen, nach 42 Jahren als katholischer Pfarrer zu demissionieren?

Bernhard Sohmer: Ich gehe vor allem aus Altersgründen. Ich werde 68 Jahre alt und möchte es ruhiger nehmen, mehr Zeit zum Nachdenken haben. Gleichzeitig ergaben sich in der Seelsorge der sechs zusammengeschlossenen Gemeinden Veränderungen und das Kloster Glattburg suchte einen Priester.

Das Kloster Glattburg ist ein Frauenkloster. Welche Aufgaben werden Sie dort haben?

Bernhard Sohmer: Die Schwestern organisieren sich selbst. Meine Hauptaufgabe wird sein, einmal am Tag die Messe zu feiern. Daneben werde ich noch Gespräche führen, auch mit Leuten, die in der Nähe wohnen. Die Messe ist extra auf den Vormittag angelegt, damit auch Leute kommen können, die nicht im Kloster leben.

Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer bisherigen Tätigkeit als katholischer Pfarrer von Mosnang, Libingen und Mühlrüti?

Bernhard Sohmer: Das Kloster Glattburg wurde 1751 in Libingen gegründet, zum Zwecke der Ewigen Anbetung. Später zügelten sie nach Glattburg, das in der Nähe von Uzwil ist, wo ich aufgewachsen bin. Es ist das einzige Benediktinerinnenkloster im Bistum St. Gallen und somit das Erbe des Klosters St. Gallen. Auch dort waren Benediktiner. Offiziell heisst das Kloster deshalb St. Gallenberg-Glattburg.

Was ist Ewige Anbetung?

Bernhard Sohmer: Tag und Nacht, ohne Unterbrechung betet jemand vor einem Tabernakel, die eine Hostie als Leib Christi enthält. Eine Schwester ist zum Beispiel von Mitternacht bis ein Uhr dran, dann die nächste von zwei bis drei Uhr. Es sind aber nicht mehr so viele Schwestern, als dass sie es alleine tun könnten. Deshalb kommen auch Laien. Libingen zum Beispiel hat eine Stunde in der Woche, die sich mehrere teilen. Ich bin dann alle zwei Monate dran.

Was hat Sie dazu bewogen katholischer Pfarrer zu werden?

Bernhard Sohmer: Ich hatte so einen Wunsch in mir, Priester zu werden, schon als ich auf das Gymnasium kam. Das Leben der Jugend war noch sehr kirchlich geprägt. Es gab die Jugendvereine, zum Beispiel die Jungwacht. Diese wurden von jungen Priestern geleitet. So hatte ich Vorbilder. Ich wollte einen Beruf, bei dem ich nahe bei den Menschen bin.

Sie wurden 1968 zum Priester geweiht. Es war eine Zeit der Unruhe, der Revolte der Jugend. Wie hat sich das mit Ihrem damaligen Berufswunsch vereinbart?

Bernhard Sohmer: Das war in den Städten, an den Universitäten. In der Kirche begann die Zeit, in der man auf Reformen und Öffnung hoffte früher. Als ich 1962 das Theologiestudium aufnahm, fand das Zweite Vatikanische Konzil statt. Da brach so viel auf. Wir dachten, jetzt wird alles modern.

Nachdem sich in der Liturgie und der Messfeier vieles geändert hat, war auch die Erwartung, dass zum Beispiel das Pflichtzölibat fällt, ganz stark.

Blieb etwas von diesem Aufbruch in der katholische Kirche?

Bernhard Sohmer: In der Liturgie und in der Theologie schon. Früher stand der Priester, während der Messe mit dem Rücken zu den Leuten. Vieles war noch auf Latein. Sie haben damals wohl für sich gebetet (lacht).

Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe die Änderungen gleich als junger Priester erlebt. Es war dann schon alles auf Deutsch. Wir haben einander verstanden. Viele waren aber schon enttäuscht, dass sich in den Strukturen nicht mehr geändert hat. Einige Kollegen von mir gaben den Priesterberuf deshalb auf.

Heute wollen nur noch wenige junge Männer katholischer Pfarrer werden. Pfarrer Josef Manser ist nach Ihrer Demission der einzige Priester für die sechs Gemeinden Mosnang, Libingen, Mühlrüti, Bütschwil, Ganterschwil, Lütisburg und interim auch für Wattwil. Warum hapert es mit dem Nachwuchs?

Bernhard Sohmer: Es wird immer vom Zölibat als Hauptursache gesprochen. Ich glaube aber, es ist eher ein gesellschaftliches Problem. Bei den anderen Kirchen ist es genauso.

Sogar die Christkatholischen, die sich 1870 abgespalten haben wegen Differenzen hinsichtlich der päpstlichen Unfehlbarkeit. Ihre Priester können heiraten. Sie haben geweihte Frauen. Alle Postulate, die wir einmal hatten, sind bei ihnen erfüllt. Sie haben auch keinen Papst und dennoch werden es immer weniger. Und auch die Evangelischen haben rückläufige Mitgliederzahlen. Darum sage ich, es kann nicht allein am Zölibat liegen.

Der Mensch von heute ist nicht mehr automatisch religiös, nicht so, dass er Religion auch immer leben will. Er hat noch viele andere Dinge, bei denen er Erfüllung sucht. Man muss heute auch nicht mehr Priester werden, ins Kloster eintreten, um ins Gymnasium und auf die Universität zu gehen.

Ich nehme einmal an, dass es in der heutigen Zeit der Wahlfreiheit auch Menschen gibt, die glücklich ohne Partner leben, vermutlich auch freiwillig ohne Sexualität.

Bernhard Sohmer: Beim Priester ist es aber auf Lebenszeit. Ein Mann oder eine Frau leben vielleicht alleine, weil ihnen jetzt danach ist. Auch wenn sie alleine bleiben haben sie immer die Möglichkeit sich anders zu entscheiden.

Persönliche Beziehungen, Freundschaften kann doch ein katholischer Pfarrer haben. Sie können doch auch in die Tiefe gehen.

Bernhard Sohmer: Ja. Das soll auch so sein. Man gibt nicht nur, man wird von der Gemeinde getragen. Ich habe diese tragenden Beziehungen zu vielen in der Gemeinde immer gefühlt.

Ich wusste auch immer, da gibt es Menschen, mit denen ich sprechen kann, da wird mir Verständnis entgegengebracht. Es ist nicht eine ausschliessliche Bindung. Wenn ein Priester normal ist, wird er es doch irgendwo vermissen, die Beziehung zu einer Frau und vor allem auch eine Familie. Als Student machte ich einmal Autostopp. Da fragte mich einer, der mich mitnahm, was ich studierte. Ich sagte: «Theologie». Da sagte er: «Aber doch nicht katholische Theologie. Da können Sie doch nicht heiraten.

» Die Leute sehen immer nur, was man nicht tun kann, nicht was man kann. Als Priester bin ich nicht verheiratet, habe keine Frau. Dazu muss ich ja sagen. Und dann gibt es Einschränkungen, Grenzen. Wer heiratet, eine Frau und Familie hat, muss ebenfalls ja sagen. Auch der Verheiratete hat Grenzen, muss, wie ich, akzeptieren, dass es Bereiche gibt, wo er unerfüllt bleibt.

Ganz erfüllt kann doch niemand sein.

Bernhard Sohmer: Eben. Die Menschen heute wollen aber immer erfüllt sein und alles haben. Wenn man nicht akzeptieren kann, dass man unerfüllt bleibt, wird alles fade. Man muss diese Einsicht haben, dass es Grenzen gibt, ob man jung ist oder alt, ehelos oder verheiratet. Das ist gegeben.

An der diesjährigen Kirchbürgerversammlung in Mosnang haben Sie auch die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester angesprochen. Weshalb fühlten Sie sich betroffen?

Bernhard Sohmer: Es tut weh, wenn man erfährt, dass es in der eigenen Berufsgruppe vorkommt. Wenn man die Kinder sieht und dann merkt, es gibt Menschen, die ihnen so etwas antun. Die Mehrheit der Fälle von sexuellem Missbrauch kommen meistens im familiären Bereich vor. Nun geht man auf die kleine Gruppe der Priester los und vergisst die anderen.

Wenn Sie zurückblicken, auf die 42 Jahre als Priester, was war das Positive, was spricht Sie noch heute an am Beruf?

Bernhard Sohmer: Ich fühle mich erfüllt, weil ich mit Menschen gehen darf, die ihre Dankbarkeit zeigen.

Was ist das für eine Dankbarkeit?

Bernhard Sohmer: In der letzten Zeit hatte ich Sterbebegleitungen. Es sind Menschen, die dankbar sind dafür, dass jemand da ist, der voll im Glauben steht, ihre Hand nimmt und sagt: «Es ist nicht fertig. Es gibt noch eine andere Dimension.

» Ich spüre auch die Dankbarkeit für das Gebet. Doch ich denke, dass das Gebet in der Familie oft vergessen wird.

Wie hilft die Religion im Angesicht des Todes, bei der Sterbebegleitung?

Bernhard Sohmer: Da bin ich froh, dass ich auch im kirchenrechtlichen Sinne Priester bin. Es ist wie bei Moses. Gott sagt ihm: «Geh und sprich für mich.» Moses sagt: «Das kann ich nicht. Schick doch meinen Bruder Aaron. Der kann es viel besser.

» Gott sagt aber: «Nein, dich schicke ich.» Was konnte ich persönlich sagen, wenn eine Mutter von sieben Kindern stirbt? Im Auftrag sage ich dann: «Christus sagt, ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben.» So ist es schön im Auftrag eines anderen zu sprechen.

Da kann man doch wütend sein auf Gott, angesichts des Leids, das er zulässt. Wie ist das bei der Ewigen Anbetung, wenn man wütend ist? Muss man es ausblenden?

Bernhard Sohmer: Nein, überhaupt nicht. Man schweigt oder weint. Christus ist da, und ich bin da, das genügt. Es ist nicht vorgeschrieben, was man tut. Man kann beten, lesen, singen oder eben schweigen oder weinen. Es ist sogar gut, wenn man dann eine Stunde dort ist. Alleine schon die Stimmung in diesem Raum mit dem Tabernakel beruhigt. Im Sommer scheint die Sonne rein. Es ist still. Man könnte auch einnicken. Das würde auch nichts machen

Sie verlassen Ende Mai das Mosnanger Pfarrhaus, sagen aber, es sei kein Abschied für Sie. Wieso?

Bernhard Sohmer: Die Aufgaben im Kloster, die ich genannt habe, stehen fest. Daneben bin ich frei. Wenn ich angefragt werde für Dienste in der Pfarrei, nehme ich es gerne von Fall zu Fall an.

Interview: Tanja Trauboth