Atmen in der Engelen

Hier oben auf der Engelen klingt die turbulente Weihnachtszeit in mir ab, begleitet durch das Rauschen der Autos, das vom Tal hinaufdringt, begleitet durch das leise Fallen der Flocken.

Laura Vogt
Drucken
Teilen
Das Gebiet Engelen in Herisau liegt über dem Gübsensee und bietet freie Sicht hinunter nach St. Gallen. (Bild: sso)

Das Gebiet Engelen in Herisau liegt über dem Gübsensee und bietet freie Sicht hinunter nach St. Gallen. (Bild: sso)

Hier oben auf der Engelen klingt die turbulente Weihnachtszeit in mir ab, begleitet durch das Rauschen der Autos, das vom Tal hinaufdringt, begleitet durch das leise Fallen der Flocken. Ich stapfe vor dem Appenzeller Kreuzfirsthaus Kreise in den Schnee, weil ich immer wieder das ganze Panorama betrachten möchte: Auf der einen Seite schaut man den Hügel weiter hoch und erblickt in der Ferne den Alpstein. Auf der anderen führen weit unten Autobahn und Zugschienen zielbewusst an Ikea und AFG-Arena vorbei. Die Engelen liegt 790 Meter über Meer, an einem zu Herisau gehörenden Hügel. Hier sieht man hinunter auf die Zivilisation, und von unten selten hinauf.

*

Sie sei auf der Engelen aufgewachsen, erzählte mir Annelies an diesem Nachmittag und biss in eine Apfeljalousie, die sie kurz vor meinem Besuch aus dem Ofen genommen hatte. Seit gut 70 Jahren lebt sie demnach auf dem Hügel. Mein Blick fiel auf das Foto an der Wand hinter Annelies, das einen noch jungen, zierlichen Bauern zeigt: ihren Vater. Mit beiden Händen hält er eine Kuh am Strick fest, hinter ihm neigt sich der Hügel ins Sanktgallische. Damals waren nur wenige Häuser und eine Kirche im Talgrund zu sehen. «Das ist Abtwil», sagte Annelies mit Blick auf das Foto, und wischte sich Krümel aus den Mundwinkeln.

*

Blicke ich heute hinunter Richtung St. Galler Vorstadtgebiet, lässt sich kaum eine Grenze zwischen Abtwil, Winkeln und Gossau ausmachen. Die Orte sind ineinandergewachsen. Auch zwischen dem Appenzellerland und St. Gallen ist keine klare Grenze erkennbar: So deutlich besteht sie nur auf der Landkarte. Da, wo ich stehe, in der appenzellischen Abgeschiedenheit, hat sich in den letzten Jahren scheinbar wenig getan. Die Engelen, das sind drei Bauernhäuser und ihre elf Bewohner, das sind Wiesen und ein Waldstück, das sind behornte Kühe auf im Sommer satten Weiden. Die Engelen, das ist das Appenzellerland, wie es im Bilderbuch steht.

*

Dass auch im Appenzellerland der Bauboom angelangt ist, statt Trachten eher Jeans getragen werden, Discounter Quartierläden und Bäckereien verdrängen, vergisst man hier oben, an der kühlreinen Luft, schnell. Ich atme tief ein und spaziere dann den Hügel hinunter, durch ein Waldstück und am Gasthaus Bären vorbei. Steil geht es abwärts, bis ich die Urnäsch erreiche und die Kubelbrücke erblicke. Seit über 200 Jahren spannt sich das Werk des berühmten Baumeisters Grubenmann über die Grenze zwischen dem Appenzellerland und St. Gallen. Ich durchschreite das dunkle Holzgebilde und glaube mich als einziger Mensch auf Erden, so still ist es. Im Flusslauf bahnt sich das Wasser seinen Weg an den graukalten Steinen vorbei. Eng ist es hier unten, schön, aber auch seltsam lebensarm und menschenfern. Als ich auf der sanktgallischen Seite angelangt bin, rauscht hoch oben auf dem Sitterviadukt ein Voralpenexpress vorüber.

*

Was will ich hier eigentlich, im Appenzellerland, wo beengende Tobel sich überall in die sanfte Landschaft schneiden, frage ich mich plötzlich und schaue dem Zug nach, wie er gemächlich Passagiere in weitere Teile der Schweiz bringt.

Hinauf, immer wieder hochsteigen ist die Devise, schiesst es mir durch den Kopf. Hochsteigen und hinunterschauen, um zu atmen. Hoch, zum Beispiel zur Engelen und noch weiter aufwärts, um für einen Moment alles zu sehen: Den Säntis und die Autobahn, die Wälder und Dörfer, die man in diesem Moment ganz für sich hat, die still daliegen und darauf warten, erkundet zu werden.