Athletik als Basis für die Künstler

Snowboarder Jan Scherrer aus Ebnat-Kappel möchte im Winter wieder vermehrt vom reinen Wettkämpfer zum Freestyler werden. An der kommenden Weltmeisterschaft in Österreich wird der Olympia-Teilnehmer jedoch starten.

Urs Huwyler
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Christian Haller (links), Olympiasieger Iouri Podladtchikov und Jan Scherrer (vorne) sind athletische Künstler. (Bild: Urs Huwyler)

Christian Haller (links), Olympiasieger Iouri Podladtchikov und Jan Scherrer (vorne) sind athletische Künstler. (Bild: Urs Huwyler)

WINTERSPORT. Ein Nationalkader von Swiss Ski kehrt nach einem morgendlichen Techniktraining um 14 Uhr gemeinsam vom Mittagessen zum Stützpunkt zurück, und eine Stunde später hetzt der Konditionscoach die Athleten und Athletinnen zuerst 60 Minuten lang zwei Treppen rauf und runter. Danach werden eine Stunde die Rumpfmuskeln gefordert. Handelt es sich nun bei der Gruppe um ein Alpin-Team oder die Boarder um Olympiasieger Iouri Podladtchikov? Falsch. Es sind nicht die Skifahrer. Würde man die Frage mit dem Zusatz versehen, die Kaderleute seien individuell gestylt und nichts deute auf ein nationales Kader hin, hätten wohl 99 von 100 Befragten auf Freestyle getippt. Sowohl Jan Scherrer aus Ebnat-Kappel wie auch Iouri Podladtchikov nehmen die Vorurteile den Boardern gegenüber gelassen hin. Das gehöre zum Image. Irgendwie amüsieren sie sich sogar. «Das Wort Athlet höre ich sowieso nicht gerne. Wir sind unterschiedliche Typen. Dies soll meiner Meinung nach auch zum Ausdruck kommen», fügt Scherrer an, während sein Kumpel in der Freestyle Academy Laax vor dem Nachtessen noch die Skatebowl rockt.

Muskelkatergefahr

Wer die einheimische Halfpipe-/Slopestyle-Weltklasse besucht, erwartet springende Männer und Frauen, aber nicht Kondition büffelnde Artisten. «Die Athletik bildet die Basis für den Sport. Doch es ist nicht so, dass ich in der Freizeit diesen Bereich forciere», hält der einzige Toggenburger fest und kassiert aus berufenem Mund ein dickes Lob. «Jan ist körperlich überlegen und gibt derzeit den Ton an. Aber ich habe noch einige Wochen Zeit. An einem guten Tag kann er in der Pipe vorne mitmischen», weiss Iouri Podladtchikov um die interne Konkurrenz. Von den viel zitierten Allüren ist beim 26jährigen «iPod» nichts zu spüren. Bei den Treppen-Sprüngen traut der Beobachter den Augen kaum. Ob Scherrer, Christian Haller, David Hablützel, Sina Candrian oder Podladtchikov, der Sportler-Ehrgeiz treibt die athletisch akrobatischen Künstler beim wenig kreativen Stufen-Hüpfen trotz einer gewissen Muskelkater-Gefahr an. «Wenn wir schon so trainieren müssen, dann machen wir es richtig», stellt Jan Scherrer klar. Irgendwie können Freestyler einen inneren Schalter kippen. Sie schlendern im Stile gelangweilter Touristen zum «Tatort», doch auf Kommando geht es los. Dann wirken sie höchstens wegen des Outfits wie Freizeitsportler.

Scherrer wie Ammann

Boarder Jan Scherrer ergeht es wie dem routinierten Skispringer Simon Ammann. Auch der Nachwuchssportler des Jahres 2012 geniesst es, dass sich nicht alles um die Olympischen Spiele dreht. «Die WM Mitte Januar in Kreischberg werde ich bestreiten, mich sonst aber nicht auf die Events der FIS konzentrieren. Vor allem möchte ich auch wieder mehr filmen», erzählt der 20jährige Absolvent des Sportgymnasiums Davos. Nach der Matura musste er in die Spitzensport RS einrücken. Die fünf Wochen Grundausbildung hat er hinter sich. Nun steht bis Saisonende der Sport im Zentrum.

Rückblende. 2007 fand die WM in Arosa statt. Jan Scherrer war als Zuschauer dabei. Auf dem Fussweg zum Kicker begegnete er Iouri Podladtchikov. Der sei bisher für Russland gestartet, nun jedoch als Schweizer eingebürgert und werde einmal der Beste, wagte der damals 13 Jahre alte Schüler eine Insider-Fachprognose. Er sollte recht behalten.

Skateboard-Show

Nun traut der grosse Iouri dem Knirps von einst eine ähnliche Karriere zu. Was kann der ungemein bewegliche Olympiasieger und Weltmeister noch besser als sein freundschaftlicher Herausforderer? Jan Scherrer verweist auf die gleichzeitig in der Halle stattfindende Iouri-Skateboard-Show. Es scheint, als befinde sich der in Russland aufgewachsene Sohn eines Geophysik-Professors, der auch Anlagen eines Mittelstreckenläufers mitbringt, bereits in Bestform. Unglaublich, was er aufführt. Jan Scherrer schaut sich die Tricks, die sein Teamkollege auf Lager hat, mit «Hitsch Haller» zusammen genüsslich an. «Iouri kann noch ganz anders», wirft der ebenfalls begeisterte Hobby-Skater beiläufig ein.

Spätestens jetzt sind sie wieder eine Gruppe von Artisten und Künstlern. Und nicht einfach durchtrainierte Athleten, denen manchmal nach privaten Fotos in den sozialen Medien kaum zugetraut wird, dass es sich um Spitzensportler handelt. Der Eindruck täuscht.