Arzt therapierte die Landwirtschaft

Um 1760 machte sich der Trogner Laurenz Zellweger Gedanken darüber, wie die hiesige Landwirtschaft wirtschaftlicher werden könnte. Er propagierte Miststöcke, Lebhäge und vermehrten Ackerbau. Die Ideen dieses Visionärs brauchten allerdings viel Zeit bis zur Umsetzung.

Martin Brunner
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Gemütlichkeit und Geselligkeit gehörten auch hierzulande zum frühen Bauernleben. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Gemütlichkeit und Geselligkeit gehörten auch hierzulande zum frühen Bauernleben. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

TROGEN. Etwas salopp ausgedrückt, gelang es Bauern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein oft mehr schlecht als recht, ihre Familien zu ernähren. Brachen Hungersnöte über sie herein, so wurden diese als gottgegeben hingenommen. Danach ging das Leben im gewohnten Stil weiter. Dem wollte Laurenz Zellweger um 1760 nicht länger zuschauen. «Als aufgeklärter Arzt, Freund von Kleinjogg-Autor Hirzel und Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft Zürich formulierte er Reformvorschläge für die Appenzeller Landwirtschaft», erzählt die Ausserrhoder Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut.

Geburt des Miststocks

Laurenz Zellweger erkannte, dass durch die engen Wohn- und Lebensverhältnisse in den kleinen Bauern- und Weberhäusern die hygienischen Bedingungen schlecht waren. «Er empfahl deshalb, einen WC-Kasten einzurichten. Die Ausscheidungen konnten, vermischt mit Lauge vom Waschen des Leinenzeugs, Asche und Tiergülle, als Dünger verwendet werden», sagt Heidi Eisenhut. Das klingt heute einfach und selbstverständlich. Damals aber war die Idee einer «Mistkultivierung» wegweisend. «Er wollte die hygienischen Bedingungen für die Menschen verbessern und damit Krankheiten verhindern. Dazu gehörte auch sauberes Wasser.» Vorausschauend im umfassenden Sinn war die Idee, dass die Bauern ihre Kühe nicht nur auf der Weide, sondern auch in Ställen halten sollten. Das war zugleich die Geburtsstunde des qualitativ sehr guten Kuh-Miststocks, da die Tiere im Stall Stroh brauchten, das zwischengelagert werden musste. Zellweger war zwar klar, dass die Tiere auf der Weide weniger Arbeit gaben. «Er aber wollte, dass die Bauern durch die gezielte Stallhaltung mehr Heu und Emd für den Winter ernten, dadurch wirtschaftlicher arbeiten und mehr Menschen ernähren konnten. Die Kuh als Nutztier für Milch und Fleisch sollte damit viel mehr in den Vordergrund rücken.»

Verschiedene Reformvorschläge

Bei der Wirtschaftlichkeit ging Zellweger noch weiter. Er beschrieb die Drainage von Wiesen und Weiden, damit mehr Boden zur Verfügung stand und dieser fruchtbarer wurde. Er empfahl den Anbau von Futterklee und Kartoffeln. Heidi Eisenhut erwähnt zudem, dass im 18. Jahrhundert lange Zeit keine Seuchen und Kriege ausgebrochen waren, dass genügend Arbeit vorhanden war und deshalb viel gebaut wurde. «Die Bevölkerung wuchs auf rund 39 000 Personen an», sagt sie. «Damit gehörte Appenzell Ausserrhoden damals zu den am dichtesten bevölkerten Gebieten der Eidgenossenschaft.» Das brauchte aber nicht nur viel Nahrung, sondern auch viel Holz zum Bauen, Feuern und für die traditionellen Latten- und Steckenhäge. «Einer der ersten Reformanstösse Zellwegers war deshalb, Lebhäge zu errichten, um den Wald zu schonen.»

Reformen brauchen Zeit

Wie das bei Vordenkern und Visionären aber so oft geschieht, stiessen die Gedanken von Zellweger auf wenig Gegenliebe. Heidi Eisenhut weiss, dass nur wenige Bauern auf seine Empfehlungen eingingen. Daran änderte auch die Hungersnot von 1770/71 nicht viel. Zellwegers Neffe Johannes verfasste als erfolgreicher Kaufmann Flugschriften, in denen er vehement auf den Reichtum des Bodens als Grundlage für die Ernährung hinwies. «Er musste nach einer gewissen Zeit resigniert feststellen, dass auch er wie sein Onkel mit seinen Ideen nur wenig Beachtung fand», erklärt die Historikerin. 1816/17 kam eine weitere Hungersnot, politisch war im 19. Jahrhundert vieles anders, und die Industrialisierung beendete die maschinenlose Zeit. Aus der Not heraus wurde 1832 die «Appenzellisch-gemeinnützige Gesellschaft zur Beförderung der Landwirtschaft und der Gewerbe» gegründet. «Musterbauern» sollten auf die Probleme in der Bodenbewirtschaftung hinweisen und neue Methoden sowie Betriebszweige wie den Obstbau ausprobieren. «Wiederum aber war der Erfolg nur mässig. Die Zeit für wirkliche Reformen war immer noch nicht reif.»

Viehzucht entstand

Über all die Jahre war ein ganzer Katalog an notwendigen Reformen entstanden, die der Arzt Gabriel Rüsch 1828 aufschrieb. Heidi Eisenhut erwähnt die Entstehung der landwirtschaftlichen Ausbildung im privaten Kreis. Der Anbau von Hafer, Flachs, Hanf, Kartoffeln, Hülsenfrüchten usw. kam zur Sprache. Der Käse rückte vermehrt in den Vordergrund. «Vom Gruyère und vom Emmentaler übernahm man die fortschrittlichere Käseproduktion. Die Heilkräuter tauchten nicht nur für den Hausbedarf, sondern auch als Handelsartikel auf.» Landwirtschaftliche Vereinigungen wurden gegründet. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die gezielte Viehzucht mit den Viehschauen. «Spannenderweise waren es ein Unternehmer der späteren Firma Cilander und der Banquier Ulrich Zellweger, die sich für die Schauen engagierten.» Viele der frühen Reformbestrebungen waren also letztlich doch noch erfolgreich, und die Wirtschaftlichkeit hielt auch in der Landwirtschaft Einzug. Die Gedanken dahinter veränderten sich bis heute nicht. Ernährungs- und Versorgungssicherheit, rationelle Bearbeitung des Bodens, Landschaftspflege usw. sind aktueller denn je.

Gut gepflegte Miststöcke zeichneten plötzlich das Bild der Appenzeller Bauernhäuser. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Gut gepflegte Miststöcke zeichneten plötzlich das Bild der Appenzeller Bauernhäuser. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Eine Stukkatur im Haus 4 am Trogner Landsgemeindeplatz zeigt einen Sämann zwischen 1770 und 1780. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Eine Stukkatur im Haus 4 am Trogner Landsgemeindeplatz zeigt einen Sämann zwischen 1770 und 1780. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

In Walzenhausen mit Sicht ins Rheintal wurde Wein angebaut. Auch zahlreiche Obstbäume sind sichtbar. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

In Walzenhausen mit Sicht ins Rheintal wurde Wein angebaut. Auch zahlreiche Obstbäume sind sichtbar. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Heidi Eisenhut studierte die landwirtschaftlichen Reformideen von Laurenz Zellweger. (Bild: Martin Brunner)

Heidi Eisenhut studierte die landwirtschaftlichen Reformideen von Laurenz Zellweger. (Bild: Martin Brunner)

Der Trogner Arzt Laurenz Zellweger erkannte die Notwendigkeit von Reformen. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Der Trogner Arzt Laurenz Zellweger erkannte die Notwendigkeit von Reformen. (Bild: Kantonsbibliothek AR)