Arbeitsunfall mit gekipptem Bohrbagger

TROGEN. Freispruch für einen Maschinisten im Prozess um einen tödlichen Arbeitsunfall in Wienacht-Tobel. Das Ausserrhoder Kantonsgericht sprach den Mann am Donnerstag wegen mangelhafter Untersuchung frei, erliess alle Kosten und gewährte eine Entschädigung.

Drucken
Teilen

Die Kosten des seit fünf Jahren laufenden Verfahrens im Umfang von nahezu 300000 Franken bezahlt die Staatskasse. Dem 59-Jährigen wurde eine maximale Entschädigung für die Verteidigung von 9750 Franken zugesprochen.

2007 wurde ein 48-jähriger deutscher Bauarbeiter auf einer Baustelle beim Bahnhof Wienacht-Tobel vom Bohrturm eines Drehbohrgeräts erschlagen. Der Bohrbagger kippte beim Verschieben eines 2,5 Tonnen schweren Dieseltanks.


Der Fall wurde bereits 2010 vor demselben Gericht verhandelt. Damals waren der Maschinist und ein Baupolier der fahrlässigen Tötung angeklagt. Der Baupolier wurde freigesprochen. Den Fall des Maschinisten wies das Gericht in die Untersuchung zurück.


Diese wurden durch ein Gutachten erweitert. Der Experte stellte sich am Donnerstag Fragen zur möglichen Unfallursache.


Tragischer Unfall

Der Maschinist musste einen Dieseltank umplatzieren, damit ein Lastwagen durchfahren konnte. Er hob den Tank an, schwenkte den Ausleger nach links, um den Tank oberhalb der Böschung abzustellen. Dort standen zwei Arbeiter, um beim Absetzen zu helfen. Bei diesem Manöver kippte der Bagger.


Der Staatsanwalt forderte eine bedingte Geldstrafe von 360 Tagessätzen und eine Busse. Der Verteidiger plädierte auf Freispruch.


«Hauptakteur» Minibohrbagger

Die «Hauptfigur» am Prozess war ein Modell-Bohrbagger. Anhand des Minibaggers erläuterte der Experte Stabilität und Verhalten bei Quer- und Längsneigungen der Strasse. Die Längsneigung sei nicht sauber abgeklärt worden, sagte er. Fazit: Selbst im günstigsten Fall wäre der Bagger gekippt.


Das Hauptproblem: Der Experte konnte den Bohrbagger nicht besichtigen. «Das Gerät ist nicht vorhanden.» Am Mast waren Ermüdungsrisse festgestellt worden. «Sie konnten das Unfallgeschehen nicht wesentlich beeinflussen», so der Experte.


Unklarheiten

Der Maschinist bestritt den Vorwurf der fahrlässigen Tötung. In der persönlichen Befragung gestand er, er habe langsam genug.


Der Staatsanwalt verglich den Unfall mit einem Fahrfehler beim Autofahren: Jemand trete versehentlich aufs Gaspedal statt auf die Bremse, ein Mensch sterbe. Niemand habe dessen Tod gewollt. Trotzdem sei fahrlässig gehandelt worden. Der Maschinist habe die Traglasttabelle missachtet und habe die Mastneigung falsch eingeschätzt.


Der Verteidiger kritisierte die Untersuchung und deren Dauer: Das Beschleunigungsgebot sei verletzt worden. Der Maschinist habe nicht gegen die Betriebsanleitung verstossen. «Die Expertise hängt in der Luft,» sagte er. Von A bis Z bestünden Unklarheiten.


Dieser Ansicht war auch das Gericht: Die Traglasttabellen seien widersprüchlich. Es seien zu viele Fragen offen, zu viel sei Spekulation. Andere Ursachen seien nicht auszuschliessen. Die Untersuchung sei mangelhaft gewesen, kritisierte der Gerichtspräsident. Es sei nur ein Freispruch möglich. (SDA-ATS/wm/fy)