Arbeit bedeutet auch Leben

Am Dienstag hat die evangelische Kirche mittleres Toggenburg zu einem Anlass zum Thema «Bedingungsloses Grundeinkommen» eingeladen. ETH-Professor Theo Wehner ging der Frage nach der Motivation zu arbeiten auf den Grund.

Stefan Feuerstein
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Für den Arbeitspsychologen Theo Wehner ist ein Wandel der heutigen Strukturen unumgänglich: «Nur eine Veränderung der Arbeitswelt leuchtet mir ein.» (Bild: Stefan Feuerstein)

Für den Arbeitspsychologen Theo Wehner ist ein Wandel der heutigen Strukturen unumgänglich: «Nur eine Veränderung der Arbeitswelt leuchtet mir ein.» (Bild: Stefan Feuerstein)

WATTWIL. «Die Arbeitspsychologie spielt eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und Fragen nach dem Sinn der Arbeit betreffen uns alle», so Ina Praetorius, Theologin und Mitinitiantin der entsprechenden Initiative. Sie moderierte den Anlass vom vergangenen Dienstag, der im gut gefüllten Saal der evangelischen Kirche in Wattwil stattfand. Mit dem ETH-Professor und Arbeitspsychologen Theo Wehner fanden die Veranstalter einen Redner, der sich bereits seit vielen Jahren mit verschiedenen Aspekten befasst, die auch das bedingungslose Grundeinkommen betreffen. «Mich beeindruckte im Gespräch mit Theo Wehner, dass er die Initiative nicht als Lösung, sondern als Frage sieht – ein Impuls, sich über die gängigen Arbeitsmodelle Gedanken zu machen. Ist es denn möglich, dass die Kultur, nämlich für Geld zu arbeiten, änderbar ist?», stellt Ina Praetorius eine der zentralen Fragen des Abends in den Raum.

Kritik an Schule

In seinem Referat unter dem Titel «Wohin steuert unsere Gesellschaft» gab Theo Wehner einen Einblick in seine Tätigkeit und ging dabei kritisch auf die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ein: «Unternehmerisches Denken beginnt heute bereits in der Schule: Es werden nicht mehr Einsichten vermittelt wie früher – sondern man lernt nur durch Memorieren.» Daneben beurteilte er auch die gängige Arbeitswissenschaft als ungenügend, da sie lediglich als Lohnarbeitswissenschaft betrachtet werden könne und weder Haushalts-, noch Freiwilligenarbeit umfasse. «Wir brauchen die Wissenschaft, um zu beobachten, was passiert. Arbeit darf dabei aber nicht nur im Zusammenhang mit Entlöhnung gesehen werden.»

Wandel unausweichlich

Die Erforschung der Arbeitsmotivation beschäftigt den ETH-Professoren intensiv. So untersuchte er unter anderem, unter welchen Umständen Arbeitnehmer mit ihrem Beruf zufrieden sind. «Die soziale Anerkennung ist sehr wichtig für den Menschen. Darauf sollten Firmen setzen, nicht bloss auf finanzielle Anreize», so Theo Wehner. Die Forschung im Bereich der Freiwilligenarbeit habe weitere deutliche Ergebnisse gezeigt. «Der Mensch ist nicht primär ein soziales, sondern ein tätiges Wesen», so Theo Wehner. Die Frage, ob Menschen mit bedingungslosem Grundeinkommen weiterhin arbeiten würden, könne er nicht beantworten. Die Beteiligung am Diskurs sei aber wichtig. Nicht zuletzt, da das 21. Jahrhundert wesentlich weniger Tätigkeiten biete, für die es eine Bezahlung gibt. «Arbeit ist nicht nur Last und Mühe, Arbeit bedeutet auch Leben. Studien haben erwiesen, dass Arbeitslosigkeit krank macht. Andererseits ist die Zahl der psychischen Erkrankungen seit 1970 über 70 Prozent gestiegen – und diese Zahlen können nicht einfach durch eine stärkere Wahrnehmung gerechtfertigt werden.» Nur ein Wandel der Arbeitswelt leuchte ihm ein, meint er weiter.

Weitere Anlässe geplant

Mit der dritten Veranstaltung zum bedingungslosen Grundeinkommen endet die Reihe zum Thema. «Wir sind zufrieden mit dem Verlauf – die Feedbacks zeigen, dass die Anlässe gut angekommen sind. Und das Ziel, sich Gedanken über das Verhältnis von Lohn, Arbeit und Leistung zu machen, wurde meiner Meinung nach erreicht», so Pfarrerin Trix Gretler. Unter dem Titel «Zeit-Geist» sollen in Zukunft weitere Themen im Bereich der Erwachsenenbildung vertieft werden, detailliert geplant sei bisher aber noch nichts.

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