KENIA: Teufner Starthilfe für Schule in Kenia

In Nairobi feiert in diesen Tagen eine kleine Schule ihr 15jähriges Bestehen. Dass sie vor zehn Jahren von Blechhütten in feste Gebäude wechseln konnte, ist auch der Gemeinde Teufen zu verdanken. Heute wollen viel mehr Kinder in die Schule, als aufgenommen werden können.

Peter Baumgartner
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In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Luzern haben deren Studenten seit 2007 die cooperative learning method, den Gruppenunterricht, eingeführt. (Bilder: Peter Baumgartner)

In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Luzern haben deren Studenten seit 2007 die cooperative learning method, den Gruppenunterricht, eingeführt. (Bilder: Peter Baumgartner)

KENIA. Die Gentiana Primary School, eine Schule für lernschwache Kinder aus ärmsten sozialen Verhältnissen, liegt am Rand des ausufernden Slums von Kawangware/Nairobi. Wenn die 230 Kinder am frühen Morgen das Schulareal betreten, sehen sie als erstes die in warmem Gelb gestrichene Küche. Für die meisten Kinder ist es ein schönes Signal. Sie wissen, hier werden der Znüni und das Mittagessen vorbereitet. Und noch etwas realisieren sie durchaus. Haben sie erst einmal die mit Schmutz übersäten Strassen mit ihren stinkenden Wassergräben verlassen, die diesen Teil des Kawangware-Slums prägen, treten sie in eine andere Welt ein: Eine Welt mit grossen, kinderfreundlichen Klassenzimmern, mit Lehrkräften, die sich um sie kümmern, und einer Schulatmosphäre, in der sie sich aufgehoben fühlen – nicht umsonst nennen die Kinder die Gentiana eine Oase.

Das war nicht immer so. Von 2001 bis 2006 war die Gentiana in aneinandergebauten, ringhörigen Blechhütten untergebracht, eine Toilette für die Buben, eine für die Mädchen, eine für die Lehrkräfte, kein Strom- und kein Wasseranschluss. Und doch ging die Schule schon damals eigene Wege. Sie war gratis, aufgenommen wurden nur die lernschwachen Kinder aus ärmsten Familien, Waisen, Behinderte und Vernachlässigte hatten Vorrang. Ihnen, so lautete die Zielsetzung der Gentiana, sollte ein Start ins Leben ermöglicht werden. Wer denn sonst sollte sich um diese Kinder kümmern, die in den staatlichen Schulen mit 80 und mehr Kindern keine Chance hatten?

Hilfe aus Teufen

2005 kaufte ein Schweizer Ehepaar in Nairobi zwei Grundstücke für den allfälligen Bau einer Schule und schenkte sie der in Kenia registrierten Hilfsorganisation Gentiana Development Network. Durch Vermittlung von Caritas Schweiz sprach die Leopold-Bachmann-Stiftung einen namhaften Baubeitrag, aber das Geld reichte noch nicht ganz. Aus der Not half die initiative Gaby Bucher, damals die Schulratspräsidentin von Teufen. Ihrer Tatkraft ist es zu verdanken, dass sich die Gemeinde Teufen mit dem Betrag von 30 000 Franken beteiligte.

Es war gut investiertes Geld. Die Gentiana Primary School geniesst einen guten Ruf und gehört zu den besten Schulen des Distrikts. Schulbücher, Hefte und Schreibmaterial werden den Kindern zu Verfügung gestellt, zum Znüni erhalten sie Porridge, zum Zmittag Mais mit Bohnen oder Reis mit Bohnen. Die Kinder bezahlen den eher symbolischen Beitrag von zwei Franken pro Monat – mehr aus prinzipiellen Gründen: Damit soll vermieden werden, dass die Eltern, 70 Prozent sind alleinerziehende Mütter, die Verantwortung für die Kinder ganz an die Gentiana abschieben können. Gegen 100 Kinder sind von diesen Gebühren befreit.

Am 9. Januar begannen die Bauarbeiten, am 9. Juli 2006 wurde das neue Schulgebäude eingeweiht. Einfach und zweckmässig gebaut, 13 Klassenzimmer, eine Küche, ein kleiner Bürotrakt. Nun war es auch möglich, sich intensiver um pädagogische Fragen zu kümmern. Moderne Lehrmethoden – etwa der Gruppenunterricht – wurden ebenso eingeführt wie die bewusste Erziehung zu Gewaltlosigkeit. Die Schülerinnen und Schüler lernten in speziellen Klassenstunden, dass Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein das schulische Fortkommen fördern, und dass auch Kinder aus dem Slum ihre Würde haben.

Stipendienprogramm

Bereits im Jahre 2004 hatte die Schule ein Stipendienprogramm eingeführt; bis heute ermöglichte es über 500 Gentiana-Schulabgängern den Besuch von Berufsschulen und höheren Schulen bis zur Universität – getreu nach dem Schulziel, lernschwachen Kindern aus armen Verhältnissen zum Stehen auf eigenen Füssen zu verhelfen. 2008 wurde das Sozialprogramm lanciert. Es hilft besonders armen Kindern und HIV-positiven Müttern, nimmt sich der persönlichen Sorgen der Kinder an und vertritt deren Rechte in Fällen von häuslicher Gewalt. In enger Zusammenarbeit mit den Lehrkräften ist die Sozialarbeiterin heute federführend für den weiten Bereich der Lebenskunde. Dabei geht es nicht nur um die Begleitung der Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung, gerade bei Schülerinnen und Schülern der oberen Klassen; wichtig sind ebenso sehr die (in Afrika heiklen) Bereiche wie Sexualkunde und Familienplanung.

Schulisch gesehen kann die Gentiana trotz ihrer etwas belasteten «Klientel», lernschwache Kinder, mit den besten Schulen des Distrikts mithalten. Die zwölf Lehrkräfte sind überdurchschnittlich ausgebildet, alle vier Unterstufenlehrer haben zusätzlich Heilpädagogik studiert. Die Lehrerinnen und Lehrer werden systematisch und in regelmässigen Kursen geschult für den Umgang mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen – und für den nicht minder schwierigen Umgang mit den Eltern.

Die Elektriker kommen

Im Jahre 2009 eröffnete das Gentiana Development Network das Gentiana Technical College. Dafür wurden von der Primarschule zwei Klassenzimmer abgezweigt. Es bildet junge Frauen und Männer zu Elektrikern aus, einem in Kenia sehr gefragten Berufszweig. Die Lehrlinge machen die staatlichen Prüfungen und erhalten einen Befähigungsausweis. Das College wie die Primarschule werden vom Schweizer Unterstützungsverein Freundinnen und Freunde der Gentiana Primary School Nairobi finanziert. Das Budget für die beiden Lehrinstitute beläuft sich, alle Nebendienste und das Essen inbegriffen, auf rund 200 000 Franken. Bezüglich der Finanzen ist das Gentiana Development Network, das von zwei Schweizern und einer Kenianerin geführt wird, dem Verein sowie der staatlichen kenianischen Hilfswerk-Aufsicht verantwortlich.

Im Rückblick gesehen hat die Gemeinde Teufen einem Projekt im fernen Afrika auf die Beine geholfen, das sich sehr schön entwickelt hat und hohes Ansehen geniesst. Ein kleines Indiz dafür: Gegen 200 Eltern versuchen jedes Jahr, ihre Kinder in die Gentiana zu schicken. Aber nur 25 Kinder können aufgenommen werden, sie werden sorgfältig ausgewählt aufgrund ihrer oft prekären sozialen Herkunft.

Porridge zum Znüni, Mais oder Reis mit Bohnen am Mittag – für viele Kinder oft die einzigen Tagesmahlzeiten.

Porridge zum Znüni, Mais oder Reis mit Bohnen am Mittag – für viele Kinder oft die einzigen Tagesmahlzeiten.

In der Schulküche werden auch die Mittagessen der Angestellten gekocht.

In der Schulküche werden auch die Mittagessen der Angestellten gekocht.