APPENZELLERLAND: Zwei Frauen im Männerkloster

Die Sommeraktion «Blick hinter die Kulissen» hat zwei Leserinnen eine nicht alltägliche Führung durch das Kloster Einsiedeln ermöglicht. Der Benediktinerpater Lorenz Moser öffnet die eine oder andere verschlossene Tür. Und er sagt, weshalb er das Himmelbett als erstes entsorgte.

Roger Fuchs
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Zimmer, wie sie vor 40 Jahren aussahen. Das Himmelbett hat Pater Lorenz als erstes entsorgt.

Zimmer, wie sie vor 40 Jahren aussahen. Das Himmelbett hat Pater Lorenz als erstes entsorgt.

EINSIEDELN. Erika Streule aus Niederteufen und Rita Lehnen aus Speicher sind sich einig: Den Weinkeller der Benediktinerabtei Einsiedeln wollen sie unbedingt sehen. Vor Ort öffnet Pater Lorenz Moser sodann die Augen für die Realität. «Seit einigen Jahren ist dieser Bereich nicht mehr geheim», sagt er. Der Kellermeister mache ab und an Führungen. Normalerweise keinen Zutritt gibt es für Touristen aber zu den Chorräumen in der Klosterkirche, zur Küche, zum Speisesaal oder zur Klausur. Sein Zimmer zeigt der Pater deshalb nicht, trotzdem drückt er für die Aktion der Appenzeller Zeitung beide Augen zu: Zumindest einen kurzen Blick auf den Wohnkorridor mit den seitlich sich aneinander reihenden Zimmertüren macht er möglich. Im Speisesaal erfahren Erika Streule und Rita Lehnen, dass jeder Neueintretende erst zuunterst an den langen Tischen sitzen müsse. Je länger jemand der Gemeinschaft angehört, desto weiter rückt er ans obere Tischende. Ganz zuoberst an einem quer stehenden Tisch sitzt der Abt, aktuell Abt Urban Federer.

«Steinreiches Kloster»

Pater Lorenz Moser, Jahrgang 1942, kann im kommenden Jahr sein 50-Jahr-Priesterjubiläum feiern. Seit etwas mehr als zwei Jahren verantwortet er den Informationsdienst des Klosters. Streule und Lehnen finden in ihm einen privaten Führer, der sich sehr offen und gesprächig zeigt. Mit den knapp 2000 Hektaren Land nennt er das Kloster Einsiedeln ein «steinreiches Kloster». Es sei aber auch ein teurer Reichtum. Lediglich einige Baurechtsparzellen am Zürichsee würden rentieren. Mit dem bewaldeten Gebiet oder dem Landwirtschaftsland würde man nichts verdienen.

Umfasste die Klostergemeinschaft von Einsiedeln vor rund 70 Jahren 200 Mönche, sind es jetzt noch gut 50. In der Verwaltung und Schule finden sich fast ausschliesslich Angestellte. 180 Personen teilen sich die 125 Vollzeitstellen. Um zu den besten Zeiten alle Mitbrüder zu beschäftigen, war man gemäss Pater Lorenz froh um Nischenaufgaben. Jetzt befände man sich im gegenteiligen Trend. Alle Aufgaben, die nicht zum Kern des Klosters gehörten, wolle man abstossen. Konkret verdeutlicht er dies in einem Nebenraum des Konzertsaals. Über hundert Streichinstrumente einer jüdischen Stiftung sind dort deponiert – für die Klostergemeinschaft eine Belastung. Der Pater spricht davon, dass man nach neuen Lösungen suche, um die Sammlung weiterzugeben. Loswerden will man auch alte Möbel, die im Estrich lagern. Am 12. und 13. August gibt es dazu einen Kloster-Flohmarkt. «Und wie steht's um dieses Tischli?», fragt Streule und zeigt auf eines im Konzertsaal. Das brauche man zwar nicht, aber es habe Platz hier, so der Pater.

Himmelbett entfernt

Dass täglich 400 Mittagessen zubereitet werden – die Klosterschule ist ein Tagesinternat – erfahren die Frauen in der Küche. Es laufen derzeit Überlegungen, diese zu modernisieren.

Auf dem Weg zur Barockbibliothek mit den rund 240 000 Büchern geht es vorbei an einem seit vierzig Jahren unveränderten Zimmer. Es zeigt die alte Möblierung mit einem Himmelbett. «Da kann man den Vorhang ziehen und muss nicht betten», kommentiert Pater Lorenz schmunzelnd. Trotzdem hat er dieses Bett in seinem eigenen Zimmer als erstes entfernt. «Es hat mir nicht gefallen. Zudem muss ich Luft haben», sagt er. Die Benediktiner von Einsiedeln haben alle ihr eigenes Zimmer mit fliessend Wasser. WC und Dusche gibt es auf den Stockwerken. Im Wohntrakt herrscht Schweigen. Die Zimmer seien etwa doppelt so breit wie der Gang, sagt Pater Lorenz Moser.

Mit viel neuem Wissen geht nach gut eineinhalb Stunden der einzigartige Rundgang zu Ende – und dies mit dem erwünschten Besuch des Weinkellers. «Ich habe mehr erfahren als gedacht», sagt Rita Lehnen.

Alte Bücherkartei an der Wand.

Alte Bücherkartei an der Wand.

Kurzer Blick in den Wohntrakt.

Kurzer Blick in den Wohntrakt.

Weinproduktion im Klosterkeller. Weiter hinten lagern Barrique-Fässer.

Weinproduktion im Klosterkeller. Weiter hinten lagern Barrique-Fässer.

Geigensammlung einer Stiftung. Das Kloster will diese Sammlung wieder loswerden.

Geigensammlung einer Stiftung. Das Kloster will diese Sammlung wieder loswerden.

Klosterküche, die modernisiert werden soll. «Etliche Apparate laufen mit Dampf», sagt Pater Lorenz Moser.

Klosterküche, die modernisiert werden soll. «Etliche Apparate laufen mit Dampf», sagt Pater Lorenz Moser.

Bild: ROGER FUCHS

Bild: ROGER FUCHS