APPENZELLERLAND: Schluss mit Zirkus

Früher hatten die Zirkusse noch fast jährlich in Herisau Halt gemacht. Nun wird die Gemeinde gemieden. Der Zirkus Stey würde hier allerdings gerne seine Zelte aufschlagen.

Elias Eggenberger/ alessia Pagani
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Der Circus Knie führte in den 1920er-Jahren ein Nilpferd in die Manege.

Der Circus Knie führte in den 1920er-Jahren ein Nilpferd in die Manege.

Elias Eggenberger/ Alessia Pagani

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Akrobatische Dreifachsaltos in luftigen Höhen, am Trapez hängende Artistinnen aus fremden Ländern und atemberaubende Pferdenummern in der Manege, dazu der Duft von Popcorn und die typischen Big-Band-Klänge: Es ist wieder Zirkuszeit! Wenn Ende April der Circus Knie in St. Gallen zu seinen Vorstellungen lädt, werden Erwachsene und Kinder gleichermassen in Staunen versetzt.

Nicht so im Appenzellerland. Seit Jahrzehnten macht der Nationalzirkus einen Bogen um den Kanton zwischen Bodensee und Alpstein. Genauso wie die meisten anderen grossen Zirkusse der Schweiz. Dabei gibt es hier eine lange Zirkustradition. Wie das Ausserrhoder Staatsarchiv auf Nachfrage sagt, seien in den 1920er-Jahren praktisch jedes Jahr Spielbewilligungen für Zirkusse ausgestellt worden. Die meisten davon waren Bewilligungen für die Gemeinden Herisau oder Speicher. Damals waren dafür noch regierungsrätliche Beschlüsse notwendig, später waren die Gemeinden zuständig. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg besuchten Artisten immer wieder die Gemeinde Herisau. So ist überliefert, dass ab 1988 bis 2006 mit einigen Ausnahmen fast jährlich Zirkus-Bewilligungen für die Hinterländer Gemeinde ausgestellt wurden. Danach nahm die Anzahl ab. «Einziger möglicher Ort für einen solch grossen Zirkus in Herisau ist das Ebnet,» sagt Benno Keel vom Amt für Volkswirtschaft der Gemeinde Herisau. «Weil die Anzahl Anlässe an diesem Standort in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat und die Ansprüche der Zirkusbetreiber ständig gestiegen sind, gibt es häufig Überschneidungen, und wir können keine Bewilligungen herausgeben», so Benno Keel weiter. Zudem habe man in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit den Zirkussen gehabt. «Tiere liefen frei herum, die Platzgebühren wurden nicht gezahlt, die Nachtruhe gestört, angerichtete Schäden erst nach mehrmaligen Interventionen reguliert, oder Nachbarn haben sich beschwert.»

Dies hat eine der ältesten Zirkus-Dynastien der Welt, die Familie Stey, in den vergangenen Jahren schmerzlich erfahren. Das Appenzellerland besucht er noch regelmässig, zuletzt 2014. In diesem Jahr ist es wieder so weit: Vom 27. bis 28 Mai wird er in Appenzell und am 30. und 31. Mai in Teufen Einzug halten. In Herisau war er zum letzten Mal 2003. Nach wie vor liebäugeln die Verantwortlichen mit der Hinterländer Gemeinde. «Wir würden gerne in Herisau unsere Zelte aufbauen. Leider haben wir den Platz, wie schon seit vielen Jahren, nicht bekommen. Wir werden jedoch versuchen nächstes Jahr auch für Herisau einen Platz zu be- kommen», sagt Roland Stahel vom Zirkus Stey. Herisau sei gut geeignet für eine Wochenend-Vorstellung, zeigt sich Stahel überzeugt.

Circus Knie in Herisau

Die Geschichte der Zirkusse in Herisau nahm vor langer Zeit ihren Lauf. Kaum jemand wird sich beispielsweise noch an jenen Tag im Jahr 1908 erinnern, als der Circus Knie auf dem Obstmarkt gastierte. Ein Seiltänzer versetzte kaum gesichert in luftigen Höhen die Bevölkerung in Staunen. Alleine zwischen 1923 und 1930 schlug der Circus Knie sechsmal in Herisau und einmal in Speicher seine Zelte auf. Oder an jenen Tag in den 1920-ern, als ein Elefant des Zirkus Carl Hagenbeck aus Hamburg den Kassawagen am Bahnhof an die richtige Stelle zog. Oft waren damals noch Tiere in den Manegen zugegen. Der Circus Knie pries seine Tournee 1929 an mit dem Versprechen auf eine grosse Raubtierschau mit über 300 Tieren – darunter Affen, Leoparden, Löwen und Tiger, Kängurus, Zebras oder auch Gürteltiere – Attraktionen von Weltruf und einer Völkerschau, wo sich Artisten, Dompteure und Tiere in Reih und Glied den neugierigen Blicken stellten. Für die Besucher der damaligen und auch späteren Vorstellungen war der Zirkusbesuch eine Möglichkeit, zum ersten Mal exotische Tiere zu sehen. Es sei ein riesen Spektakel gewesen, dem man einfach beiwohnen musste, sagen Zeitzeugen noch heute im Tenor und mit vor Verzückung glänzenden Augen. Die Knie-Zirkusdynastie besuchte Herisau nochmals zweimal, dies am 18./19. April 1951 und am 27./28. April 1960. Dann war Schluss. «Der Besucherandrang war eher klein, und wir konnten keinen Publikumserfolg feiern», sagt die Knie-Medienverantwortliche Michèle Feierabend. Dass es künftig wieder Knievorstellungen im Appenzellerland gibt, ist ausgeschlossen: «Wir transportieren die Hälfte unseres Materials über die Zugschiene. Im Appenzellerland können unsere Spezialzüge nicht über die Schmalspuren der Appenzeller Strecken fahren.»