APPENZELLERLAND: «Ein schöner Name für eine schlimme Sache»

Tot- und Fehlgeburten werden von Betroffenen liebevoll Sternenkinder genannt. Svenja Menet und Andrea Enderlin wollen dem Thema das Tabu nehmen.

Lisa Wickart
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Auf dem Friedhof Herisau steht eine Gedenkstätte für Sternenkinder. (Bild: Lisa Wickart)

Auf dem Friedhof Herisau steht eine Gedenkstätte für Sternenkinder. (Bild: Lisa Wickart)

Die Urnäscherin Svenja Menet ist eine Sternenschwester. Sie ist die Schwester eines Kindes, das sie nie kennengelernt hat. «Sternenkind klingt schöner als Fehl- oder Totgeburt», sagt Svenja Menet, Detailhandelsfachfrau in Ausbildung. «Es ist ein schöner Name für eine schlimme Sache.» Sie und ihre Schulkollegin, die Bühlererin Andrea Enderlin, haben sich aufgrund ihrer Familiengeschichte dem Thema für ihre selbständige Arbeit am Berufsbildungszentrum Herisau gewidmet. «Sternenkinder, auch Schmetterlingskinder oder Engelskinder genannt, sind in der Gesellschaft ein unterdrücktes Thema. Darum war es auch schwierig, Informationen dazu zu finden», so Svenja Menet. Antworten auf ihre Fragen bekamen die Lernenden im Gespräch mit einer Hebamme und Betroffenen sowie im Internet. Die Arbeit besteht aus einer schriftlichen Dokumentation und aus selbst gemachten Karten, die Betroffenen Trost spenden sollen.

Sternenkinder haben unterschiedliche Rechte

«Wir wollen uns dafür einsetzen, dass dem Thema mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir denken darüber nach, die Dokumentation und die Karten an die Fachstelle für Sternenkinder zu schicken und die Arbeit im Spital oder bei einer Hebamme aufzulegen.»

Sternenkinder werden rechtlich unterschieden. Eine Totgeburt ist mit mindestens 500 Gramm tot geboren worden oder während der Geburt verstorben. Fehlgeburten sind Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen und bis zur 22. Woche im Mutterleib sterben. «Totgeburten werden auf dem Friedhof beerdigt, und die Eltern dürfen dem Kind einen offiziellen Namen geben. Fehlgeburten werden oft nur im Spital verabschiedet und werden gesetzlich nicht als Person anerkannt. Ich finde, dass Sternenkinder rechtlich nicht unterschieden werden sollten. Ein solches Schicksal ist immer schlimm, und darum sollte jede Familie selbst entscheiden können, ob sie ihr Verstorbenes als Kind anerkennen möchte oder nicht.»

Dass das Thema immer mehr Aufmerksamkeit erhält, zeigt das Beispiel auf dem Friedhof Herisau: Diesen Sommer wurde eine Gedenkstätte für Sternenkinder eingeweiht – eine der wenigen in der Ostschweiz.

Obwohl das Thema tragisch ist, sieht es die Lernende in ihrem Fall positiv: «Meine Mutter hat drei tote Kinder zur Welt gebracht. Ich bin einfach nur froh, dass ich gesund zur Welt gekommen bin. Das löst einen Glücksmoment in mir aus.»