Appenzellerland
«Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist wegen des Wanderwegnetzes sehr schwierig» – wie sich die beiden Appenzeller Kantone auf die vermehrte Wolfspräsenz vorbereiten

In Graubünden ist das Projekt «Pasturs Voluntaris» gestartet worden – Freiwillige unterstützen Tierhalter beim Herdenschutz. In beiden Appenzell hält man wenig davon. Doch auch der Einsatz von Hirtenhunden gestaltet sich schwierig.

Margrith Widmer
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Der Wolf streift auch vermehrt durchs Appenzellerland.

Der Wolf streift auch vermehrt durchs Appenzellerland.

Bild: Marco Schmidt/KEYSTONE

Im Alpenraum wächst die Wolfspopulation. In Graubünden ist sie in der Surselva mit inzwischen vier Familien am grössten. Diese Präsenz stellt die Landwirtschaft vor Probleme. Kleinviehhaltung ohne Herdenschutz ist im Streifgebiet der Wolfsfamilien nicht mehr möglich, ohne ein hohes Risiko einzugehen, dass Nutztiere gerissen werden. Um Betriebe bei der Bewältigung dieses Mehraufwands zu unterstützen, wollen Freiwillige mithelfen.

Dieses gemeinsame Projekt von Pro Natura Graubünden und WWF nennt sich «Pasturs Voluntaris». Die freiwilligen Hirtinnen und Hirte werden in einem zwei Tage dauernden Kurs ausgebildet, bevor die an die Betriebe vermittelt werden. Sie lernen die Hintergründe des Projekts und des Herdenschutzes kennen. In einem praktischen Teil üben sie, anerkannte Herdenschutzmassnahmen korrekt umzusetzen, und lernen den Umgang mit Herdenschutzhunden und Schafen.

Verständnis zwischen Stadt- und Bergbevölkerung fördern

Die Einsätze der Freiwilligen variieren in Dauer und Ort – von Tages- oder kurzen Abendeinsätzen auf Heimbetrieben bis zu mehrtägigen Einsätzen auf Alpen. Im Pilotjahr 2021 finden die Einsätze zwischen Mitte Mai und Ende September statt.

Ziel des Projekts ist unter anderem die Unterstützung von Kleinviehhalterinnen und -haltern bei ihrer täglichen Arbeit, Stärkung des Herdenschutzes sowie die Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Stadt- und Bergbevölkerung.

Vor allem Zaunverstärkungen in Innerrhoden

Stefan Müller, Innerrhoder Landeshauptmann.

Stefan Müller, Innerrhoder Landeshauptmann.

Bild: PD

Die Wolfsproblematik beschäftigt auch die beiden Appenzeller Kantone. «Bezüglich Herdenschutz läuft in Innerrhoden momentan sehr viel», sagt denn auch Landeshauptmann Stefan Müller. Vom Projekt in Graubünden hat er Kenntnis: Ein zentrales Anliegen des Projekts sei die gegenseitige Vertrauensförderung zwischen Bauern und der städtischen Bevölkerung, dies sei gut so. Stefan Müller hält aber fest:

«Allerdings ist es eben auch so, dass die Arbeiten bezüglich Herdenschutz sehr viel landwirtschaftliche Erfahrung bedingen, was bei unerfahrenen Freiwilligen wohl leider oftmals fehlt. Das bedeutet, dass recht viel Arbeit bei den Bauern selber hängen bleibt.»

Die Standeskommission habe kürzlich ein Projekt und die entsprechenden Gelder genehmigt, wonach spezielle Herdenschutzmassnahmen, die gemäss den Massnahmen des Bundes nicht enthalten sind, umgesetzt werden können, sagt Stefan Müller: In diesem Projekt nicht vorgesehen seien spezielle Bestimmungen für Herdenschutzhunde. Diesbezüglich würde man sich an die Empfehlungen und Unterstützungen des Bundes halten.

Nach der Genehmigung fand ein Austausch zwischen den Bauern und Herdenschutzspezialisten und der Wildhut statt. Das Ziel sei gewesen, gute Lösungen für den Kanton zu finden. Ergebnis der Diskussionen war, dass vor allem mit Zaunverstärkungen gearbeitet werden müsse. Müller sagt:

«Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist in unserem Kanton mit dem engmaschigen Wanderwegnetz sehr schwierig.»

Dennoch könnten Herdenschutzhunde in gewissen Situationen durchaus Sinn machen. Es bedinge jedoch einer sorgfältigen Abwägung der Situation, so der Landeshauptmann.

Unterschiedliche Alpstrukturen

Regierungsrat Dölf Biasotto.

Regierungsrat Dölf Biasotto.

Bild: PD

Auch in Ausserrhoden hat man das «Pasturs Voluntaris»-Projekt zur Kenntnis genommen. Der zuständige Ausserrhoder Regierungsrat Dölf Biasotto sagt, die Gewährleistung des Herdenschutzes mit Freiwilligen sei eine Herausforderung, weil der Schutz 24 Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche gewährleistet werden müsse. Man werde die Erfahrungen daraus berücksichtigen.

Biasotto hält aber fest: Die Kantone hätten unterschiedliche Alpstrukturen, weshalb nicht alle Massnahmen erfolgreich übernommen werden könnten. Regionale Projekte machten Sinn, um neue Lösungen zu testen. Appenzell Ausserrhoden habe eine Leistungsvereinbarung mit dem Landwirtschaftlichen Zentrum St.Gallen für die Beratung der Nutztierhalterinnen und -halter in Sachen Herdenschutz. «Diese Zusammenarbeit funktioniert gut und soll beibehalten werden.»

Konfliktpotenzial: Wanderer und Schutzhunde

In Appenzell Ausserrhoden gebe es keine grösseren Schaf- und Ziegenalpen, gibt Biasotto weiter zu bedenken: Herdenschutz mit Hunden sei aufwendig und kostspielig. Der Hund müsse das ganze Jahr gehalten und unterhalten werden. Zudem gibt es in Ausserrhoden viele Wanderer, die zum Teil ebenfalls mit Hunden unterwegs sind, was gefährliche Situationen geben kann. Jeder Betrieb müsse für seinen Fall abwägen, welcher Herdenschutz für ihn geeignet ist. Biasotto sagt:

«Bislang gibt es im Kanton Appenzell Ausserrhoden aus diesen und weiteren Gründen noch keine Herdenschutzhunde.»

Die Erfahrungen aus dem Projekt mit weiteren Herdenschutzhunderassen werde man berücksichtigen, so Regierungsrat Dölf Biasotto. Der Bund habe hohe Ansprüche an die Herdenschutzhunde und deren Herkunft, weil neben der Funktion als Herdenschutz auch die Sozialisierung der Hunde zum Menschen wichtig sei.