APPENZELLERLAND: «Das ganze Land eine Fabrik»

Das Appenzellische Jahrbuch beleuchtet den Einfluss der Textilindustrie auf Siedlungsstruktur und Landschaftsbild. Sie war das Fundament seines Wohlstands und bestimmte das Schicksal.

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Der Umschlag des vor kurzem erschienenen «Hefts 144» der Appenzellischen Jahrbücher zeigt eine historische Fotografie des «Textildorfs» Rehetobel. Darüber prangt ein transparenter textiler Himmel, das Fundament bildet ein Plattstichgewebe. Das Werk des Trogner Künstlers Werner Meier verweist auf eine manchmal zu wenig beachtete Tatsache: Siedlungsstruktur und Landschaftsbild des Appenzellerlandes sind wesentlich geprägt durch die Textilindustrie. Sie war das Fundament seines Wohlstands; die sich schnell wandelnden modischen und konjunkturellen Konstellationen am globalen Firmament prägten sein Schicksal.

Die Redaktion des Appenzellischen Jahrbuchs – Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek von Appenzell Ausserrhoden und Hanspeter Spörri, Journalist – nahm sich vor, den landschaftlichen und ortsbaulichen Aspekt der appenzellischen Textilwirtschaft zu beleuchten. Namhafte Fachleute wirkten an diesem Vorhaben mit: Albert Tanner, Autor des Standardwerks «Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht» (erschienen 1985) über die Ostschweizer Textilindustrie, beschreibt die Industrialisierung im Appenzellerland unter dem Titel «Das ganze Land eine Fabrik». Er zeigt auf, dass Appenzell Ausserrhoden um 1800 zu jenen Regionen in Europa gehörte, in denen ein grosser Teil der Bevölkerung nicht mehr hauptsächlich von der Landwirtschaft lebte, sondern in hohem Masse von gewerblich-industriellen Tätigkeiten und deshalb auf Korneinfuhren aus dem Ausland anagewiesen war.

Stickerei-Boom prägte Dorf Rehetobel

Auf eine besondere Art nähert sich der Historiker Thomas Fuchs der Textilproduktion: Er suchte in Archiven nach erhalten gebliebenen Dokumenten, beispielsweise Gerichtsakten, die Auskunft zu geben vermögen über die Bewohnerinnen und Bewohner einzelner Häuser und ihre Lebensweise. Die Weberbauernhäuser, Webfabrikantenhäuser, Textilkaufmannspaläste, Stickerhäuser, Stickfabriken, Geschäftshäuser und Villen prägen bis heute das Erscheinungsbild von Dörfern und Landschaft. Fotografisch dokumentiert wurden die Bauten von Jürg Zürcher, der auch den Rundgang durch das Textildorf Rehetobel illustrierte. Diesen hat die Lesegesellschaft Rehetobel Dorf initiiert. Der Text von Heinz Meier, Monika Golay und Arthur Sturzenegger macht deutlich, dass nach dem Dorfbrand von 1890 durch die mechanische Stickerei in Plattstich und die Rehetobler Innovation der Langwaren-Nollenstickerei ein Bauboom ausgelöst wurde, der die äussere Erscheinung des Dorfes bis heute prägt. Nicht fehlen darf in einer solchen Zusammenstellung Appenzell Innerrhoden. Der Historiker Sandro Frefel, Landesarchivar in Appenzell, räumt dabei gleich mit einem verbreiteten Vorurteil auf: dass Innerrhoden nicht über eine eigene Industriegeschichte verfüge und hauptsächlich ländlich, bäuerlich und kleingewerblich geprägt sei. Das Gegenteil ist wahr. Bis zum Brand von 1958 war die Fabrik im Ziel mit 70 Meter Länge, 15 Metern Breite und 20 Metern maximaler Höhe eine der markantesten Bauten in Appenzell Innerrhoden. Trotz teilweise ungenügender Quellen gelingt es Sandro Frefel, ein farbiges Bild der wechselhaften, teilweise dramatischen Entwicklung dieses Innerrhoder Industriebaus zu zeichnen, zu der auch ein Arbeiterstreik im Jahr 1885 gehört. (pd)

Das Jahrbuch kann über den Buchhandel oder die AGG unter info@aggesellschaft.ch bezogen werden.