APPENZELLERLAND: Auch in Herisau: Mit Hustensirup zum Rausch

Hustensirup gilt unter Jugendlichen wegen eines Inhaltstoffs als Rauschmittel. Sie nutzen die aktuellen Minustemperaturen als Vorwand, um an die Ware zu kommen. Die Apotheken kennen die Tricks.

Simon Roth
Drucken
Teilen
Hustensaft wird in der kalten Jahreszeit zur Stillung des Hustenreizes verwendet, aber auch als Rauschmittel missbraucht. (Bild: Fotolia)

Hustensaft wird in der kalten Jahreszeit zur Stillung des Hustenreizes verwendet, aber auch als Rauschmittel missbraucht. (Bild: Fotolia)

«In letzter Zeit fragen vermehrt jüngere Personen nach codeinhaltigen Hustenpräparaten», sagt Saskia Nufer. Nichts Aussergewöhnliches für die Geschäftsführerin der Drogerie Walhalla in Herisau zu dieser Jahreszeit. Nimmt man die in der Verpackungsbeilage empfohlene Dosierung ein, wirkt der Arzneistoff hustenreizlindernd. In grossen Mengen eingenommen, löst der Konsum von Hustensaft Rauschzustände aus. 

Die Drogistin hat die Abgabe des Arzneimittels bei Verdacht auf Medikamentenmissbrauch auch schon verweigert. Meist seien es Jugendliche um die 18 oder noch jünger. Sie kennt deren Tricks und Ausreden genau: «Oft geben sie an, dass sie das Medikament für die Mutter oder die Grossmutter benötigten.»
 

Tödliche Gefahren bei Überdosierung

Der Trend ist nicht neu. Viele wissen, dass Hustensaft Codein, einen Abkömmling von Morphium, enthält. Sie wollen sich damit berauschen. Die Abgabe von Hustensirupen ist in der Arzneimittelverordnung geregelt. Diese fallen unter die Abgabekategorie C und sind deshalb von der Verschreibungspflicht eines Arztes befreit. Verschiedene Produkte in unterschiedlicher Form sind in Apotheken erhältlich: Tropfen, Saft oder Pillen.

Bei einem Missbrauch gilt Hustensaft als bevorzugtes Produkt. Das hustenreizstillende Arzneimittel wird oft mit Alkohol oder Süssgetränken wie Sprite vermischt, was in den USA einen Drink namens «Dirty Sprite» bekannt gemacht hat. Viele sind sich der Gefahren und Nebenwirkungen solcher Cocktails nicht bewusst. Wird die empfohlene Dosierung überschritten, kann der Inhaltsstoff Codein laut der Webseite saferparty.ch Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Krämpfe und Atemlähmung hervorrufen. Im schlimmsten Fall kommt es zum Atemstillstand und somit zum Tod.

Über längere Zeit konsumiert, kann das Einnehmen von Hustensirup zu einem Abhängigkeitsverhältnis führen. Codein wird im Körper zu Morphin umgewandelt. Laut pharmawiki.ch sind an einem Missbrauch hauptsächlich experimentierfreudige Jugendliche und teilweise auch Drogenabhängige interessiert. Die Seite rät von einem Missbrauch dringend ab.
 

Von Fall zu Fall entscheiden

Auch Elisabeth Baudenbacher, Geschäftsführerin der Apotheke zur Eiche in Herisau, kennt Fälle von Personen, die Hustensirup als Rauschmittel missbrauchen wollen: «Es sind die üblichen Verdächtigen. Diese Personen sind uns bekannt.» Das Personal sei entsprechend darauf eingestellt, ihnen den Verkauf zu verweigern. «Man spürt, dass etwas nicht stimmt», sagt Baudenbacher. Bei Verdachtsfällen bespricht ihr Team jede Situation individuell. Und entscheidet über die Herausgabe  des Medikaments.

In der Drogerie Walhalla sind die codeinhaltigen Produkte nicht frei ausgestellt, sondern in einer Schublade verwahrt. Zweifelt Saskia Nufer an der Begründung, dass das Arzneimittel für jemand anders ist, frage sie jeweils nach, ob die entsprechende Person dies telefonisch bestätigen könne. Zudem weist sie die Personen auf die Risiken beim Missbrauch des Medikaments als Rauschmittel hin. Die Massnahmen zeigten anscheinend ihre Wirkung: «Oft erübrigt sich die Angelegenheit dann.»