Appenzeller wollen Markt spielen lassen

Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden wollen keine Beschränkung für ausländische Fachärzte. Der Markt reguliere, wie viele Spezialisten in die beiden Kantone kämen, so das Argument. Tut er nicht, sagen Experten.

Dominik Galliker
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Anfang 2012: Der Bund hebt die Zulassungsbeschränkung für Ärzte auf. Fachärzte können ab sofort eine Praxis eröffnen, auch wenn dafür eigentlich kein Bedarf besteht. Die Zahl von neuen Arztpraxen schnellt in die Höhe. So weit, dass der Bund ein Jahr später wieder gegensteuert: Seit Anfang Juli 2013 können die Kantone wieder einen so genannten «Zulassungsstop» einführen.

Die Bezeichnung ist allerdings irreführend. Denn die Kantone können einzig ausländischen Fachärzten die Bewilligung verweigern. Und auch dies nur, wenn der Arzt zuvor nicht mindestens drei Jahre in der Schweiz gearbeitet hat. Die einheimischen Ärzte sind neu nicht mehr betroffen. So ist der Zulassungsstop eher ein «bedarfsorientiertes Steuerungsinstrument», wie es etwa der St.Galler Kantonsarzt Markus Betschart ausdrückt.

Beschränkung in zwei Kantonen

Der grösste Ostschweizer Kanton hat die Zulassungsbeschränkung eingeführt, genau wie der Kanton Thurgau. Appenzell Ausserrhoden dagegen will keine Beschränkung mehr einführen. Und auch Innerrhoden hat sich letzte Woche gegen einen Stop entschieden.

«Der Stop ist kein geeignetes Mittel, um zu erreichen, dass sich weniger Ärzte spezialisieren», sagt Matthias Weishaupt, der zuständige Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden. Er glaube nicht, dass mit einem Stop tatsächlich weniger Arztpraxen eröffnet würden. Denn: «Als die Beschränkung 2011 aufgehoben wurde, haben wir keinen Ansturm gespürt.» Auch in Appenzell Innerrhoden habe es keine Flut an neuen Zulassungen gegeben, sagt Antonia Fässler, Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements. Weishaupt und Fässler sagen, ein Zulassungsstop hätte vor allem mehr administrativen Aufwand bedeutet, ohne jedoch etwas zu bewirken.

Mehr Ärzte, mehr Behandlungen

Auch der Präsident der Appenzellischen Ärztegesellschaft, Hans- Anton Vogel, glaubt nicht, dass der Entscheid grosse Folgen haben wird. «Marktwirtschaftlich funktioniert es vermutlich nicht, dass etwa ein Dermatologe in Appenzell Ausserrhoden eine Praxis eröffnet.» Für einen Hautarzt sei das Einzugsgebiet schlicht zu klein. «Der Markt reguliert, wie viele Spezialisten hierher kommen.» Experten sind anderer Meinung. Forscher haben im Gesundheitswesen ein bedenkliches Marktversagen festgestellt. Gebe es an einem Ort mehr Ärzte, steige automatisch auch die Zahl der Behandlungen, sagt André Busato, Forscher der Universität Bern. Ärzte verdienen nichts an gesunden Menschen. Um ihr Einkommen zu sichern, würden viele von ihnen im Zweifel Behandlungen durchführen, die medizinisch nicht immer gerechtfertigt sind, sagt Busato.

Zu sehen ist dieses Phänomen an seinen teils skurrilen Folgen: Solothurnerinnen wird zum Beispiel fast doppelt so oft die Gebärmutter entfernt wie Bündnerinnen. Das bedeutet für den Steuerzahler: Das Gesundheitssystem wird teurer, die Prämien steigen. Laut groben Schätzungen steigert jede neue Praxis im Schnitt die Kosten um etwa 300 000 Franken pro Jahr. Irren sich die Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden also, wenn sie den Markt spielen lassen wollen? «Sie laufen Gefahr, ja», sagt André Busato. Zu wählen, welcher Weg richtig ist, gleicht einer Partie Bingo. Viele Behörden entscheiden nach Bauchgefühl, sagt Busato. Für eine Diskussion mit rationalen Argumenten fehle schlicht die Grundlage. Nämlich die Antwort auf die Frage: Wie bestimmt man den Bedarf an Ärzten? Die Nachfrage, also die Anzahl Diagnosen, ist kein verlässlicher Indikator. Andere gebe es momentan aber nicht, sagt Busato.

«Wir und auch andere Universitäten sind daran, Grundlagen zu erarbeiten.» In fünf bis zehn Jahren solle so eine «effizientere Diskussion» möglich sein. Alle Fragen kann die Forschung aber nicht beantworten. «Es ist unmöglich, den Bedarf an Ärzten zu messen.»