Appenzeller Mittelland
Umstrittene Tempo-30-Zone im Trogner Dorfkern: Ein Konsens scheint unmöglich

Die Einführung einer erweiterten Tempo-30-Zone im Dorfkern von Trogen stösst auf grossen Widerstand. Das zeigte sich auch an der kürzlich durchgeführten öffentlichen Orientierungsversammlung. Sie löste viele Emotionen, grosse Unsicherheiten und teils heftige Diskussionen aus.

Charlotte Kehl
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Rund um den Landsgemeindeplatz soll in Zukunft eine erweiterte Tempo-30-Zone gelten.

Rund um den Landsgemeindeplatz soll in Zukunft eine erweiterte Tempo-30-Zone gelten.

Bild: Tobias Garcia

Die Unzufriedenheit in Trogen mit den Verkehrsplänen ist gross. Eine dreistellige Zahl an Einsprachen ist dagegen eingegangen. Kanton und Gemeinde wollen rund um den Landsgemeindeplatz ein einheitliches Temporegime einführen und damit die drei unterschiedlichen Geschwindigkeitsregimes ablösen.

Umstritten ist etwa, dass auch die Begegnungszone auf dem Landgemeindeplatz aufgehoben werden soll. Diese gibt es seit 20 Jahren und wird im Dorf geschätzt – auch weil der Fussverkehr Vortritt hat. In einer Tempo-30-Zone wäre dies nicht mehr der Fall.

Kommt gar Tempo 50 wieder?

Bis diese Einsprachen bearbeitet sind, muss der Kanton die ursprüngliche Situation wiederherstellen. Das könnte bedeuten, dass zwar die Begegnungszone vorläufig bleibt, aber auch Tempo 50 wieder eingeführt werden muss, was aber niemand will. Der Besucherstrom an der kürzlich durchgeführten Versammlung in die Turnhalle des Schulhauses Nideren unterstrich das grosse Interesse der Trogner Bevölkerung.

«Ziel des Abends ist es, alle Informationen, die zur Tempo-30-Zone führten, bekanntzugeben», betonte zu Beginn der Ausserrhoder Kantonsingenieur Urban Keller. Anwesend waren zudem Kantonspolizist Erwin Cantieni, Urs Kast, Sicherheitsbeauftragter Tiefbauamt, sowie Trogens Gemeindepräsidentin Dorothea Altherr. Urban Keller hielt fest:

«Es braucht klare Verhältnisse. Ein unübersichtlicher Schilderwald, welcher die korrekte Signalisation dreier Geschwindigkeitsregimes auf kleinem Raum nach sich zieht, vermindert die Verkehrssicherheit und musste vermieden werden.»

Ausserdem gelte es verschiedene Bedürfnisse und Gegebenheiten im national geschützten Ortsbild zu berücksichtigen. Er verdeutliche dies unter anderem am Beispiel eines behindertengerechten Ein- und Ausstiegs an der Postautohaltestelle.

Der Versuch mit der Tempo-30-Zone auf der Landsgemeindeplatz-Kreuzung, der vor zehn Jahren eingeführt und angesichts der bevorstehenden Bauarbeiten am Platz so belassen wurde, habe keine rechtliche Grundlage mehr und erschwere die Problematik. Schliesslich habe von den zuständigen Behörden nach den Vorschriften von Bund und Kanton ein Entscheid gefällt werden müssen, sagte Keller.

Engagierte Voten in der Diskussionsrunde

Die Tatsache, dass der «ursprüngliche Zustand» wieder hergestellt werden müsste, wenn innert nützlicher Frist keine Einigung zu Stande kommt, wurde von an der Versammlung anwesenden Trognerinnen und Trogner jedoch als Druck wahrgenommen, ihre Einsprache zurückzuziehen. Dem widersprach Keller. «Der Staat muss sich an seine gesetzlichen Vorgaben halten», sagte er.

Viele der Anwesenden meinten, dass einige zusätzliche Verkehrstafeln kein Grund sein sollten, auf die so wichtige Begegnungszone verzichten zu müssen. Mit drei bis vier Tafeln sei dies machbar, hiess es etwa.

Grosse Verunsicherung besteht im Dorf auch wegen des Fehlens von Fussgängerstreifen in der Tempo-30-Zone. «Kinder und alte Leute sind mit der Situation überfordert», hiess es etwa an der Versammlung. «Kinder stehen lange am Strassenrand, aber niemand hält an. Dann laufen sie plötzlich los.»

Kein Fussgängerstreifen möglich

Laut Kantonspolizist Erwin Cantieni sind in der Tat keine Fussgängerstreifen vorgesehen: «Für deren Erstellung gelten Normen, die beim Dorfplatz nicht erfüllt werden können», sagte er. Sie seien in einer 30er-Zone auch nicht notwendig, da diese die Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer vorsehe. Andererseits aber würden andernorts sehr wohl Fussgängerstreifen in 30er-Zonen festgestellt, hielt ein Votant dagegen.

«Es wird viel Forschung bezüglich Sicherheit der Fussgänger betrieben», sagte Urban Keller. Das wesentliche Element sei die gute Sicht. Dazu komme: «Jeder dritte tödliche Unfall mit einem Fussgänger passiert auf einem Fussgängerstreifen!» Die Frage eines Teilnehmers, wie viele Fussgänger sich ausserhalb von Fussgängerstreifen überhaupt auf der Strasse bewegen, blieb indes unbeantwortet.

Die öffentliche Informationsveranstaltung verdeutlichte: Ein Konsens in dieser Debatte lässt sich wohl nur schwer finden. Das waren sich auch die Teilnehmer bewusst. «Dass sich bei der Thematik Verkehrssicherheit die objektiven Erkenntnisse der Fachwelt nicht mit dem subjektiven Empfinden der Bevölkerung deckt, kommt für das Tiefbauamt und die Polizei nicht überraschend», sagte etwa Keller. Jetzt gehe es für alle darum, das Gehörte zu reflektieren. Die zuständigen Personen würden sich darüber austauschen, meinte er am Ende der Veranstaltung. Bei Anwohnern herrscht hingegen das Empfinden vor, dass der Plan gemacht sei und die Bevölkerung nichts daran ändern könne.