Appenzeller lesen nicht

Zweimal dreht der Schlüssel im Schloss, dann ist es still. Ich nippe an meinem Glas Prosecco und schaue mich um. Hier liegt mir die Welt zu Füssen, besser gesagt: Sie liegt in Gestellen.

Laura Vogt
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Prosecco und Literatur; möglich im Bücherladen Appenzell. (Bild: sso)

Prosecco und Literatur; möglich im Bücherladen Appenzell. (Bild: sso)

Zweimal dreht der Schlüssel im Schloss, dann ist es still. Ich nippe an meinem Glas Prosecco und schaue mich um. Hier liegt mir die Welt zu Füssen, besser gesagt: Sie liegt in Gestellen. Senkrecht und horizontal ruhen sie alle, die Werke von Peter Bichsel und Lilly Langenegger, Christa Wolf und Thomas Mann, Roman Signer und Andrea Maria Keller. Auf 50 Quadratmetern stapeln sich die Bücher und Hefte, die Kalender, Ratgeber und Notizhefte.

«Hauptsache lesen», sagte Carol Forster, Inhaberin des Bücherladens Appenzell, bevor sie mich für drei Stunden den Büchern überliess. Seit 22 Jahren führt Carol die kleine Buchhandlung im Herzen von Appenzell. Damals war sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie nicht nur ihre Kinder grossziehen, sondern sich auch selbständig machen konnte. Davon, dass es in Appenzell unbedingt einen Bücherladen brauchte, war sie überzeugt.

«Appenzeller lesen nicht!», musste sie sich dennoch oft anhören, als sie damit begann, die Welt in Form von Büchern hierher zu bringen. Es stellte sich bald heraus: Appenzeller lesen sehr wohl, und so begann sich Carols Buchhandlung zu einem Treffpunkt zu entwickeln. Hierher führen noch heute viele Wege: Die Stammkundschaft kommt aus der Nachbarschaft und der Umgebung, doch auch Touristinnen schmökern gerne in den Gestellen und Wanderer decken sich mit Landkarten ein. Sie persönlich liebe es, durchs Lesen in ferne Welten einzutauchen und einem Sprachfluss zu folgen, erzählte Carol und lächelte.

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Lesen ist eintauchen. Lesen ist Fortbewegung. Würde ich mich durch all die Wörter, Sätze und Seiten lesen, die es im Bücherladen zu entdecken gibt, könnte ich die Welt in den drei Stunden, in denen ich mich einschliessen lasse, locker umrunden. Dieses «Einschliessen & Geniessen» bietet Carol Forster seit 2009 auf Reservation an. Sie und ihre beiden Mitarbeiterinnen richten die Buchhandlung nach Ladenschluss gemütlich ein, organisieren Häppchen und Getränke und überlassen einem daraufhin den ganzen Laden. So hat man Zeit, um in den Büchern zu blättern, Sätze kreisen zu lassen, Wörter auf die Zunge zu nehmen.

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Der Prosecco perlt im Glas vor mir. Ich blättere in einem Buch mit dem Titel «Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher». Autorinnen und Autoren erklären darin, welche Bücher sie einst hatten schreiben wollen, welche Inhalte oder Titel sie jedoch wieder verwarfen. Diese ungeschriebenen Geschichten schweben überall in der Luft, ob draussen in der Februarkälte oder hier drinnen im Bücherladen. Es sind Geschichten, die wir alle in uns tragen und die einst zu Büchern werden könnten. Umgekehrt können jene Bücher, die schon geschrieben wurden und nun vor mir liegen, weitergesponnen und miteinander verbunden werden. Lesend tauche ich Seite um Seite in neue Gedankenwelten ein und verknüpfe sie mit meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, Erinnerungen und Wünschen. Daraus entsteht ein Textteppich, ein flaumiges Gewebe, in dem ich schweben, schweigen und studieren mag.

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Ich schliesse das Buch und richte mich auf. Mein Blick fällt auf eine Postkarte, die neben der Kasse liegt. Ein einziges Wort ist darauf abgedruckt: trugweltenbummler – die Wortschöpfung der Appenzeller Autorin Andrea Maria Keller. Ein passendes Wort für den gegenwärtigen Moment, denn eine Trugweltenbummlerin bin ich, halb in meiner Gedanken- und Geschichtenwelt, halb in diesem Raum voller Gestelle, die Füsse auf dem hellen Teppich. Zum Anfassen real sind die Bücher um mich und das Glas vor mir, das leise klirrt, als ich es berühre. Ich nehme den letzten Schluck. Carol Forster wird mich gleich in den kühlen Winterabend entlassen.

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