«Appenzeller Filet» statt Diätküche ohne Salz und Fett

FRIEDLISBERG. Irene Dörig war der erste weibliche Koch im Kanton St. Gallen und einer der ersten im Schweizer Fernsehen. Um dies zu erreichen, musste die Urnäscherin hart gegen den Zeitgeist ankämpfen.

Johannes Wey
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Irene Dörig mit ihrem Appenzeller Filet: Ihr erstes TV-Rezept weckt heute noch das Interesse ihrer Kochschülerinnen und -schüler. (Bild: Bruno Schlatter/Sonntagszeitung)

Irene Dörig mit ihrem Appenzeller Filet: Ihr erstes TV-Rezept weckt heute noch das Interesse ihrer Kochschülerinnen und -schüler. (Bild: Bruno Schlatter/Sonntagszeitung)

Irene Dörig wollte immer nur kochen. Dieses Ziel hat die gebürtige Urnäscherin gegen alle Widerstände verfolgt und es dabei weit gebracht: Als erste Frau im Kanton St. Gallen schloss sie, als Jahrgangsbeste, die Kochlehre ab. Mit 27 Jahren leitete sie bereits eine Kochschule, und als sie sich zehn Jahre später selbständig machte, erhielt sie mit «Schwiizer Chuchi» eine eigene Fernsehsendung. «Ich hatte unglaubliches Glück in meiner Karriere», sagt sie rückblickend. Ende September geht Irene Dörig in Pension. In ihrem Fall bedeutet dies, dass sie sich auf Kochkurse in ihrem Piemonteser «Altersréduit» beschränkt.

Lehrlingskommission dagegen

Das «Glück der Tüchtigen» zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch Irene Dörigs Laufbahn. Angefangen bei der Lehrstelle im St. Galler Hotel Hecht, «damals das beste Haus am Platz», wie Dörig sagt. Seit sie dort mit ihrem Vater, einem Käsehändler, die regelmässigen Händlertreffen besucht hatte, war ihr klar, dass sie sich nur dort um eine Lehrstelle bewerben wollte. Die väterliche Käsehandlung in Urnäsch gibt es noch immer. Sie wurde vor ein paar Jahren an die Migros verkauft und wird von Irene Dörigs Bruder Urs geführt. Das Restaurant Kreuz, das ebenfalls von Dörigs Vater betrieben worden war, befindet sich heute in den Händen von Leo Dörig, ebenfalls ein Bruder Irenes, und seiner Frau.

«Wir stellen keine Frau ein»

Trotz der Zusage vom «Hecht» hatte Dörig ihre Lehrstelle noch nicht auf sicher: Die Lehrlingskommission hätte die junge Frau lieber in einem alkoholfreien Restaurant oder in einer Diätküche gesehen. «Ich musste ziemlich kämpfen», sagt sie. Kämpfen musste sie auch während der Ausbildung als einzige Frau in der Küche. «Ich lernte den rauhen Umgangston kennen. Aber mein Chefkoch stand hinter mir. Er liess gar nichts auf mich kommen.»

Doch obwohl sie ein ausgezeichnetes Abschlusszeugnis vorzuweisen hatte, fand Dörig nach der Lehre keine Stelle, «zumindest keine, die ich wollte.» In den Absagen der renommierten Häuser waren Ende der 1960er-Jahre Sätze wie «leider stellen wir keine Frau ein» gang und gäbe. «Es war der absolute Frust», sagt Dörig: Sie sah sich gezwungen, nun doch noch eine Lehre als Diätköchin zu machen. «Man konnte nichts schön anrichten, sondern musste alles verkochen oder pürieren – und dann noch ohne Salz und Fett. Da machte auch das Probieren keinen Spass.»

Kochschule anstatt Leibkoch

Doch wieder machte sich das Glück in Irene Dörigs Leben bemerkbar, als sie eine Anstellung an der Kochschule der legendären Agnes Amberg fand. «Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Töchter aus den <besseren Familien> im Raum Zürich dort Kochkurse besuchten.» Auf diesem Weg lernte Irene Dörig die Partnerin des Verlegers Max Frey kennen. Die beiden wollten Dörig als Koch für ihre Yacht anstellen, doch davon wollte diese nichts wissen. Also fragten die beiden, was den Dörigs Ziel sei. «<Eine eigene Kochschule>, sagte ich. Eine Woche später bot Frey an, eine zu bauen. Es war wie im Märchen.» Mit dieser Anstellung waren auch Kolumnen in der «Weltwoche» und «Annabelle» verbunden, welche damals von Max Frey verlegt wurden.

Eigene Schule, eigene Sendung

Vor 26 Jahren folgte dann ein weiterer Karrieresprung für Irene Dörig: Nach der Geburt ihrer Tochter eröffnete sie im Alter von 37 Jahren ihre eigene Schule, «Irene's Cuisine» im aargauischen Friedlisberg. Kurz zuvor war sie bereits vom Schweizer Fernsehen für die Sendung «Schwiizer Chuchi» verpflichtet worden. «Das war ein Traum. Eine bessere Werbung konnte ich mir gar nicht wünschen», sagt Dörig. In 23 Folgen stellte sie für alle (Ganz-)Kantone ein Rezept vor. Für den Auftakt besann sie sich auf ihre Heimat zurück und kreierte das «Appenzeller Filet» (Kasten) mit Mostbröckli und Appenzeller Käse. «Das war damals der absolute Renner, und auch heute noch werde ich am häufigsten darauf angesprochen.» Ansonsten hat die 63-Jährige, abgesehen von Besuchen bei Verwandten, keinen Bezug mehr zum Appenzellerland. «Aber wenn ich privat koche, dann liebe ich Chäshörnli, Siedwürste – die Alltagsküche aus meiner Kindheit.»

www.irenes-cuisine.ch

Bild: JOHANNES WEY

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