Appenzell
Verkehrsberuhigung am Schmäuslemarkt: Betroffene fordern Gesamtkonzept

Von Mai bis Oktober war die Achse Postplatz–Marktgasse in Herzen Appenzells täglich während sechs Stunden gesperrt. Den Versuch wertet der Kanton aktuell aus. Gegner und Befürworter fordern derweil ein Gesamtkonzept zur Entwicklung des Dorfkerns.

Selina Schmid
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Die Durchfahrt unter dem Rathausbogen war diesen Sommer zeitweise verboten.

Die Durchfahrt unter dem Rathausbogen war diesen Sommer zeitweise verboten.

Martina Basista

Die «Gass 17» am Schmäuslemarkt hatte einen guten Sommer. Täglich tischte Geschäftsführer Sergio Fässler zwischen 11 und 17 Uhr weit hinaus auf s'Plätzli. Vom Bezirk erhielt er 1,5 Meter mehr Platz als in den Sommern davor. Den Platz dafür gab es, weil zeitweise die Durchfahrt vom Postplatz über den Schmäuslemarkt und unter den Rathausbögen hindurch auf den Kanzleiplatz und in die Marktgasse verboten war. Sergio Fässler sagt: «Anfangs war ich ja skeptisch. Aber die Leute fühlten sich wohl auf der Strasse. Es kehrte Leben ein.»

Es ist eine Diskussion, die sich in den grösseren Städten dem Ende zuneigt: Sollen die Gassen und Strassen im Zentrum durchgängig mit dem Auto befahrbar sein? Die Linksgrünen scheinen zu gewinnen, in Zentren wird immer mehr auf den Langsamverkehr gesetzt. Was in St.Gallen, Bern oder Interlaken schon längst Realität ist, hat das Dorf Appenzell zwischen Mai und Oktober ausprobiert.

Ganzes Verkehrskonzept überprüfen

Die Gruppe für Innerrhoden (GFI) brachte das Thema Dorfgestaltung und Verkehrsberuhigung wieder ins Rollen. Dazu gehört auch eine Überprüfung des Verkehrskonzepts. Josef Manser, der bereits in den 1980er-Jahren Unterschriften für eine autofreie Hauptgasse sammelte, sagt: «Wir wollten wissen, ob es denn wirklich eine solche Zumutung wäre, wenn eine Achse im Zentrum täglich während sechs Stunden gesperrt ist.»

Dass die Durchfahrt unter dem Rathaus immer noch voll möglich ist, liegt laut Josef Manser auch daran, dass der letzte Landesfähnrich angesichts heftiger Opposition bei einem Versuchsanlauf die Flinte ins Korn geworfen habe.

Auf dieser Strecke blieb das Zentrum für Autos zeitweise gesperrt

Unter Landesfähnrich Jakob Signer gehe das Projekt aber weiter. Mit der Verkehrsverlangsamung um den Schmäuslemarkt wurde geprüft, wie sich die Verkehrsberuhigung auf die Sicherheit, das Zusammenspiel von Verkehr und Fussgängerströmen und auf die Attraktivität des Dorflebens allgemein auswirkt, wie der Kanton in der Ankündigung schrieb. Den Versuch hat er genau beobachtet. Eine eigens beauftragte Beratungsfirma, die Helvetia Consulting AG, befragte Bevölkerung, Grundeigentümer und Gewerbe mündlich und brieflich. Die Kantonspolizei habe zusätzlich das Verkehrsaufkommen vor und während des Projekts gemessen.

Jakob Signer sagt: «Wie erwartet variieren die Wahrnehmungen zwischen deutlicher Ablehnung, grundsätzlicher Zufriedenheit und hoher Zustimmung mit den versuchsweise umgesetzten Massnahmen.» Die Erkenntnisse werden in einem ergebnisoffenen Prozess ausgewertet. Das Resultat dürfte sich irgendwo zwischen keiner Einschränkung und einer Sperrung von täglich sechs Stunden während sechs Monaten pro Jahr bewegen. Noch vor Weihnachten sollen die Ergebnisse der Standeskommission vorgelegt werden, so Signer.

Vehementer Widerstand gegen Sperrung

Auch andere Rückmeldungen aus der Bevölkerung werden in die Auswertung einfliessen. Die Riedkommission reichte bereits im April eine Petition mit 539 Unterschriften ein. Am 28. Oktober, kurz vor Ende des Projekts, folgte die IG Dorfkern Appenzell mit einer weiteren Petition mit rund 750 Unterschriften. Der Text der Petition vergleicht den autofreien Schmäuslemarkt mit einem Museum. Die Verkehrsverbindung sei für das florierende Dorfleben das, was die Hauptschlagader für den Puls sei. «Das Dorf soll und muss primär von einheimischen Appenzellern belebt und einfach erreicht werden können.»

Rahel Manser vom Chäsladen und Coiffeur Jörg Wetter übergaben die Petition stellvertretend für die ganze IG Dorfkern Appenzell. Manser sagte gegenüber dem Volksfreund, ein grosser Teil der Unterschriften stamme von der einheimischen Bevölkerung. Landesfähnrich Jakob Signer sagte bei der Übergabe, dass der Kanton zusammen mit Bezirken und der Feuerschaugemeinde eine Gesamtkonzeption zur Entwicklung des Dorfkerns Appenzell in Angriff nehme. Damit komme man auch einem Anliegen der Petitionäre nach.

Jürg Wetter, Coiffeur an der Hirschengasse 6, war durch die zeitweise Sperrung des Schmäuslemarkts indirekt betroffen. Für manche Betriebe sieht er zwar Vorteile im Projekt, doch die Massnahme habe Land und Leute gespalten. Das Schliessen einer zentralen Achse und der daraus resultierende Schilderwald seien keine Lösung. Stattdessen will er Begegnungszonen schaffen, beispielsweise mit einem entsprechenden 20er-Zonen-Schild. Sein Fazit: «Mir fehlt eine zukunftsführende Strategie, ein Konzept für das gesamte Dorf Appenzell.»

Parkplätze bleiben Problem

Jaqueline Fässler ist Inhaberin der Landbäckerei am Schmäuslemarkt. Sie findet, die sechsstündige Sperrung einer Achse sei kaum eine Behinderung des Dorflebens. Vor 11 und nach 17 Uhr blieb das Zentrum gewohnt befahrbar. «Ich sehe in der Verkehrsberuhigung nur Vorteile.»

Durch ihren Standort lebt die Landesbäckerei vorwiegend von Tagesgästen. Touristen hätten nie verstanden, warum Autos über den Schmäuslemarkt fahren würden, sagt Fässler. Diesen Sommer dagegen verglichen sie den Platz mit einer italienischen Piazza. Fässler sagt: «Das Ambiente war schöner, die Leute fühlten sich wohl und verweilten.»

Jaqueline Fässler wünschte sich, dass der Schmäuslemarkt an den Wochenenden zwischen Mai und Oktober autofrei wäre. Sie sagt aber: «Wenn wir das machen, dann müssen wir die Parkplätze in Appenzell überdenken. Das hat es zu wenige.»

Für GFI-Präsident Josef Manser wäre eine Beschränkung um den Schmäuslemarkt ein erster Schritt zur Verbesserung des Ist-Zustands. Er betont jedoch: «Wir brauchen ein Gesamtkonzept, das über den Schmäuslemarkt hinausgeht.» Für ihn heisst das, der motorisierte Verkehr wird nach aussen verlegt. Damit würden Orte wie der Landsgemeindeplatz oder der Schmäuslemarkt Qualität gewinnen. Zur Kompensation der Parkplätze sieht die GFI mittelfristig eine Tiefgarage in unmittelbarer Nähe zum Dorfkern. «Ich bin überzeugt, dass weniger Autos im Zentrum für alle angenehmer ist.»

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