APPENZELL: Lobbyisten und überreife Früchte

Für die Maturandinnen und Maturanden ist der öffentliche Vortrag ein wichtiger Abschnitt auf dem Weg zur Matur. Im St. Antonius-Gymnasium wurden 41 verschiedene Maturaarbeiten präsentiert.

Andy Lehmann
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«Der private Konsument verschwendet zu viele Lebensmittel.»

«Der private Konsument verschwendet zu viele Lebensmittel.»

Andy Lehmann

andre

as.lehmann@appenzellerzeitung.ch

«Die Schlacht von Stalingrad», «Krafttraining in der Pubertät – Sinn oder Unsinn?» oder «Zukunftsperspektiven der Elektromobilität». Die Auswahl an Präsentationen der Maturaarbeiten im Gymnasium St. Antonius Appenzell war gross. Insgesamt wurden in der Zeit von 17 bis 21.30 Uhr 41 unterschiedliche Vorträge von Maturandinnen und Maturanden gehalten. Stellvertretend werden zwei davon hier vorgestellt.

Joghurt im Selbstversuch getestet

Auf die Minute genau beginnt Reto Koller seinen Vortrag zum Thema: «Lebensmittelverschwendung/Ein Ratgeber für den privaten Konsumenten». In der rechten Hand hält er eine überreife Banane und sagt: «Als Lebensmittelverschwendung wird derjenige Teil aller Lebensmittel angesehen, welcher für den menschlichen Verzehr angepflanzt und produziert wurde, jedoch vom Menschen nicht konsumiert wird.» Diese Banane habe er vor drei Tagen gekauft. Ihre Herstellung habe rund 200 Liter Wasser verbraucht, und sie sei via Kolumbien und Rotterdam in die Schweiz nach Bischofszell und Appenzell gelangt. «Nun hat die Banane braune Flecken und ich mag sie nicht mehr essen», mit diesen Worten wirft er die Frucht achtlos in den bereitstehenden Abfallkübel. Der private Konsument gelte als grösster Verschwender. In der Schweiz werden jährlich 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, dies entspricht der Länge eines Lastwagenkonvois von Zürich bis ins spanische Madrid. Dazu zählen auch Lebensmittel, welche zu Tierfutter weiterverarbeitet oder in Biogas umgewandelt wurden. Nicht erfasst sind Komponenten, welche der Mensch nicht beeinflussen kann, wie etwa Lebensmittel, die, von Schädlingen befallen, Krankheiten verursachen können. Ein Schweizer Haushalt wirft im Schnitt jährlich für rund 800 Franken Lebensmittel weg. «Bei uns sind die Lebensmittel zu billig, und wir haben die Wertschätzung dafür verloren. Bewusst, saisonal einkaufen und sich nicht von Marketingtricks in den Läden verleiten lassen kann der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken» sagt Koller. Damit dies gelingt, hat er für die Referatsgäste einen über 30 Seiten umfassenden praktischen Ratgeber für den privaten Konsumenten erarbeitet. Der Maturand erklärt auch die Sache mit dem Ablaufdatum. Dieses garantiere nämlich nur den einwandfreien Zustand des Produktes durch den Hersteller und nicht, dass es danach nicht mehr geniessbar sei. Reto Koller hat in einem Versuch den Verzehr eines Joghurts getestet. Selbst fünf Wochen nach Ablauf des Datums sei es zwar leicht verfärbt und in der Konsistenz nicht mehr so wie am Anfang gewesen, aber er habe es noch essen können. Als wichtigen Grund für die Lebensmittelverschwendung nannte Koller auch die Gesetzgebung. Zum Ende seines Referats appelliert der Maturand dafür, beim Einkaufen die Sinne wie Riechen, Fühlen und Sehen wieder vermehrt einzusetzen. Dann holt Reto Koller die weggeworfene Banane wieder aus dem Abfallkübel, schält sie und nimmt einen grossen Bissen davon.

Ist Lobbying eine Form von staatlicher Korruption?

«Ich interessiere mich schon lange für Wirtschaft und möchte gerne erfahren, was hinter dem Vorgang geschieht», sagt Timo Schlegel nach seinem Referat. Er erklärt in seinem Vortrag, was Lobbying ist, und sagt dazu: «Zum Lobbyieren braucht es stets zwei Parteien. Die eine möchte ihre Interessen der anderen schmackhaft machen und hofft, dass diese die Idee unterstützt und publik macht. Politiker sind oft Lobbyisten und vertreten Interessengruppen. Dabei geben sie meist nur die Muttergesellschaft an, für welche sie sich starkmachen.» Timo Schlegel zeigt dies anhand der Autofirma Volkswagen auf. Demnach sage der Politiker nur, dass er sich für die Interessen von Volkswagen einsetze, aber nicht, dass da noch andere Marken wie etwa Audi dabei seien. Dies sei aber legal. Korruption hingegen zeigt er am Beispiel Sepp Blatter und der Vergabe der Fussball-WM 2018 in Russland und 2022 in Qatar auf. Die Gerichte seien immer noch mit dem Prozess gegen die Fifa und deren ehemaligen Präsidenten Sepp Blatter beschäftigt. Der Maturand kommt zum Schluss, dass Lobbyismus legal sei und in unserer Demokratie keine Willkür herrsche. Sollte das Parlament korrupte Machenschaften an den Tag legen, würden die Politiker vom Volk abgewählt.

Timo Schlegel erläutert das Wesen des Lobbyismus. (Bilder: Andy Lehmann)

Timo Schlegel erläutert das Wesen des Lobbyismus. (Bilder: Andy Lehmann)