APPENZELL: Junge Solisten mit Zukunft

Die Migros-Kulturprozent-Preisträger Chiara Enderle (Cello) und Lionel Andrey (Klarinette) gaben in der Ziegelhütte ein Konzert mit Schwerpunkt Johannes Brahms.

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Das «Preisträger»-Konzert am Freitag in der Ziegelhütte, bei dem sich die Cellistin Chiara Enderle und der Klarinettist Lionel Andrey als Preisträger der Migros-Kulturstiftung vorstellten, war geprägt von Musizierfreude, Wohlklang und Virtuosität auf hohem Niveau. Die jungen Solisten, die gemeinsam mit ihren Klavier-Partnerinnen Camilla Könken und Flore Merlin ein Konzert­programm auf hohem Niveau ­gestalteten, nutzten diese ideale Möglichkeit optimal, ihr hervorragendes Können vor einem fachkundigen Publikum zu beweisen. Schwerpunkte des spätromantischen Programms bildeten Werke von Johannes Brahms (1833 – 1897). Unter dem Motto «Brahms­iade» sind heuer bei der Hälfte der Abo-Konzerte 2017 in der Ziegelhütte markante Kompositionen und Bearbeitungen des grossen Meisters in verschiedensten Besetzungen zu hören.

Leidenschaftliche Klarinettensonate

Den Abend eröffnete der 26-jährige Lionel Andrey mit der Klarinettensonate in f-Moll, op. 120, Nr. 1, von Brahms – gewidmet dem berühmten Klarinettisten Richard Mühlfeld. Der elanvoll gespielte, düster-leidenschaftliche Kopfsatz lebte vor allem von den Kontrasten zwischen dem akkordisch-klanglichen Haupt- und dem rhythmisch prägnanten Seitenthema mit den heftigen Ausbrüchen und dem wunderbar gelösten Schlussteil. Besonders schön erblühte im verträumten, liedhaften «Andante» die graziöse und gefühlvolle Klarinettenmelodie mit der harmonisch abgestuften Klavierbegleitung. Die Ländler-Idylle des «Allegro gracioso» leitete dann zur ungetrübten Fröhlichkeit des humorvollen Rondo-Finales über. Klarinettist und Pianistin überzeugten mit makelloser Spieltechnik, beseelter Tongebung und Phrasierungskunst. Bei den diffizilen, von traditionellen Bindungen in Tonalität und Rhythmik befreiten «Vier Stücken», op. 5, des Schönberg-Schülers Alban Berg (1885–1935) handelte es sich – im reizvollem Kontrast zu den grossen Formen von Brahms – um meditative Miniaturen, die mit Feingefühl höchstkonzentriert zelebriert wurden und Impulse zur Besinnung setzten.

Im zweiten Teil sorgte die 24-jährige Cello-Solistin Chiara Enderle, dezent auf dem Klavier begleitet von Camilla Könken, mit galanter Programmmusik – dem beeindruckend «erzählten» romantischen Märchen «Pohádka» des Tschechen Leos Janácek (1854–1928) – für einen Stimmungshöhepunkt. Exzellent der warmherzige, sonore Cello-Ton, die Spielkultur und der temperamentvolle musikantische Vortrag!

Ein musikalisches Feuerwerk

Ein Feuerwerk kantabler Melodik und figurenumrankter Läufe entfaltete die Cello-Solistin bei der Interpretation der klassisch-romantischen Cello-Sonate in e-Moll, op. 38, von J. Brahms. Chiara Enderle kostete die melancholische Melodik im nahtlosen Dialog mit der kongenialen Pianistin mit nuancenreichem Spiel beeindruckend aus. Im Kopfsatz mit dem impressionistisch zarten Beginn gefielen vor allem die weitgesponnenen Kantilenen und das perlende Seitenthema im Klavier. Beim charmanten Menuett mit Trio bezauberte der helle und leichte Klang – an die Klavier-Tänze von Schubert erinnernd, aber auch der Nostalgie der Welt Mozarts huldigend. Brillant musizierte das Duo auch das kunstvolle Fugen-Finale mit den kraftvollen Triolen-Rhythmen und dem effektvollem monumentalen Schluss. Die Formen-Dynamik und Rasanz erinnerte an Bachs «Kunst der Fuge» und löste stürmischen Schlussbeifall aus.

Ferdinand Ortner

redaktion@appenzellerzeitung.ch