Appenzell Innerrhoden: Ein Stück Agatha-Brot gegen das Heimweh

Am 5. Februar wird in den Innerrhoder Gemeinden das Agatha-Brot gesegnet. Das Brauchtum geht auf das Spätmittelalter zurück, fand seinen Anfang aber bereits im 3. Jahrhundert.

Valentina Thurnherr
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Bäckermeister Hans-Ueli Fässler verwendet für die Agatha-Brote einen regulären Semmelteig. (Bild: Valentina Thurnherr)

Bäckermeister Hans-Ueli Fässler verwendet für die Agatha-Brote einen regulären Semmelteig. (Bild: Valentina Thurnherr)

«Das Besondere am Agatha-Brot ist die Segnung», sagt Hans-Ueli Fässler. Er ist Bäckermeister und Inhaber der Landbäckerei Sammelplatz in Appenzell. Der Tisch, an dem er sitzt, ist über und über bedeckt mit kleinen Naschereien für den Valentinstag. Hinter ihm steht ein grosser Korb gefüllt mit runden Bürli. «Für mein Agatha-Brot mache ich einen regulären Semmelteig. Andernorts gibt es aber auch Bäcker, die doppelte Bürli machen.» In der Innerschweiz gibt es gar ein «Agatharingli».

Die Semmel macht Fässler jeweils am Morgen des 5. Februars. «Um halb acht müssen wir vor der Kirche stehen für die Messe und die Segnung.»

Vor mehreren Jahren haben die Bäcker in der Umgebung Appenzell eine Vereinbarung getroffen, dass sie jeweils alle ihre Brote in die Kirche bringen. «Wir tragen dann unsere Bäckerblusen und stellen die Kisten mit den Broten vor den Altar.» Während der Messe segnet der Pfarrer dann die Backwaren. «Nach der Kirche verteilt jeweils ein Bäcker Agatha-Brote an die Messebesucher. Das macht jedes Jahr ein anderer und in diesem bin ich an der Reihe», sagt Fässler mit einem Lächeln.

Überlieferung und Brauchtum

Noch vor ungefähr 25 Jahren kam der Pfarrer oder Kaplan noch in die Backstube, um das Brot zu segnen. «Damals hatten wir noch ein Restaurant nebenan und der Pfarrer kam dann am Morgen dorthin, um mit meinem Grossvater zu jassen», sagt Fässler. «Wenn das Brot dann fertig war, kam er schnell in die Backstube, segnete es, und ging dann wieder zurück, um weiter zu jassen.» Fässler und seine Familie essen das gesegnete Brot auch jedes Jahr selber. «Wir bewahren ausserdem einen Sack mit vier bis fünf Bürli im Estrich auf zum Schutz gegen das Feuer.» Dies deshalb, weil die Heilige Agatha die Schutzpatronin der Feuerwehren ist.

«Agatha von Catania war eine wunderschöne Frau», sagt Johann Kühnis, Pfarrer von Oberegg.

«Sie lebte im 3. Jahrhundert und ist für ihren Glauben gestorben, denn sie als Christin sollte einen Nicht-Christen heiraten und hatte sich geweigert.» Der Verschmähte liess Agatha daraufhin erst die Brüste abschneiden und sie später gar zu Tode foltern. «Agatha wurde später dann in der Kunst dargestellt mit einem Teller in den Händen, auf dem ihre abgeschnittenen Brüste zu sehen waren. Die Leute waren damals wohl zu prüde und haben diese als zwei Brote interpretiert», sagt Kühnis. So sei dann wohl auch die Segnung der Brote am Gedenktag entstanden. Pfarrer Kühnis selbst geht jeweils anders als in Appenzell noch selbst in die Backstube, um das Brot am Morgen des 5. Februars zu segnen.

Die Backware soll auch als Heilmittel gegen Heimweh helfen. «Früher, als die Kinder das erste Mal ihr Zuhause verlassen haben, hat man ihnen ein Stück Agatha-Brot mitgegeben», sagt Roland Inauen, Kurator des Museums Appenzell.

«Auch den Tieren, die man verkaufen musste, hat man ein Stück des Brotes mitgegeben, um ihr Heimweh zu lindern.»

Die Tradition des Agatha-Brotes sei im Appenzellischen ohnehin immer noch sehr lebendig. Ob er selbst dieses Jahr an der Messe teilnehmen wird, weiss Inauen noch nicht. «Aber ich werde mir auf jeden Fall ein Agatha-Brot beim Bäcker kaufen.»

Der Duft von frischen Brötchen

Pfarrer Lukas Hidber lebt seit rund vier Jahren in der Gemeinde Appenzell. «Ich habe es damals so angetroffen, dass alle Bäcker am Morgen ihre Brötchen zur Messe brachten. Die ganze Kirche duftete dann herrlich nach den frisch gebackenen Bürli.» Die Agatha-Brote seien auch nach wie vor sehr beliebt im Appenzellischen. In der St. Galler Gemeinde, in der er vorher war, seien am Gedenktag auch die Feuerwehren eingeladen worden und hätten nach der Messe ein Brot und eine Bratwurst bekommen.

«Und in Sargans, wo ich herkomme, gehen die Feuerwehrleute jedes Jahr am 5. Februar zur Messe. Dies allerdings nicht in erster Linie wegen des Brauchtums, sondern wegen des Stadtbrandes von 1811.» Danach hätten sich die Feuerwehrleute geschworen im Gedenken daran, am Tag der Heiligen Agatha in die Kirche zu gehen.

Die heilige Agatha als Schutzpatronin

Agatha von Catania gilt, vor allem in der Schweiz, als Schutzpatronin der Feuerwehren. Dieser Glaube geht auf eine Überlieferung aus dem Jahr 251 n. Ch. zurück. Ein Jahr nach Agathas Tod brach der Ätna aus. Die Einwohner von Catania nahmen den Schleier der heiligen Agatha und gingen damit dem Lavastrom entgegen, der daraufhin zum Stillstand kam. Agatha liegt in der Kathedrale von Catania begraben und ist die Schutzpatronin von Catania und Malta, in der Schweiz der Feuerwehr, der Ammen, Hebammen, Hirtinnen, Weber, Bergarbeiter, Hochofenarbeiter, Goldschmiede, Glockengiesser, Glaser und Hungerleidenden. Sie hilft gegen den Ausbruch des Ätnas, bei Kinderlosigkeit, Brandwunden, gegen Krankheiten der Brüste, Heimweh, Fieber, Brandgefahr, Hungersnot, Unwetter, Viehseuchen, Erdbeben und Unglück. Die Verehrung von Agatha breitete sich um das Jahr 500 von Rom her aus. In der katholischen und orthodoxen Kirche wird ihr Gedenktag am 5. Februar begangen. Der Schleier und einige andere Reliquien der Heiligen werden in der Kathedrale von Catania aufbewahrt. Die Schädeldecke der Märtyrerin befindet sich im Kloster Kamp auf dem Gebiet der Stadt Kamp-Lintfort im deutschen Nordrhein-Westfalen. (vat)