APPENZELL: Brillante Spielkultur mit Esprit

Das international sehr erfolgreiche Leipziger Streichquartett und die kasachische Pianistin Olga Gollej sorgten in der Ziegelhütte mit einem delikaten romantisch-klassischen Programm für musikalischen Hochgenuss.

Ferdinand Ortner
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Das Leipziger Streichquartett bewies in der Appenzeller Ziegelhütte Weltklasse. (Bild: Ferdinand Ortner)

Das Leipziger Streichquartett bewies in der Appenzeller Ziegelhütte Weltklasse. (Bild: Ferdinand Ortner)

Ferdinand Ortner

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Das Leipziger Streichquartett begeisterte in der Kunsthalle Ziegelhütte mit faszinierenden Interpretationen von Spitzenwerken spätromantischer europäischer Kammermusikliteratur. Präsentiert wurden das Streichquartett in a-Moll, op. 51/2 von Johannes Brahms (1833–1897) und das monumentale Klavierquintett in g-Moll, op. 30 von Sergei Tanejew (1856–1915), der auch «russischer Brahms» genannt wird. Die totale Identifikation der Künstler mit den Werken, ihr interpretatorisches Feuer und die Souveränität der Vorträge schufen eine fantastische Konzertatmosphäre.

Das Ensemble bestach durch exzellente Spielkultur, Ausdruckskraft und klangliche Balance. Es vermittelte dabei spielerische Leichtigkeit und Transparenz. Faszinierend die subtilen Vorträge mit gefühlvollem Ausleuchten der facettenreichen Klangwelten und die musikalische Effizienz! Primgeiger Conrad Muck überzeugte als kompetenter «Primus inter pares» und harmonierte mit seinen kongenialen Partnern Tilman Büning (2. Violine), Ivo Bauer (Viola) und Matthias Moosdorf (Violoncello) nahtlos. Die Pianistin Olga Gollej ergänzte das Quartett optimal und bewies auch hohe solistische Qualitäten.

Delikates Brahms-Streichquartett

Mit dem anspruchsvollen Brahms-Streichquartett interpretierten die «Leipziger» ein delikates spätromantisches Werk, das thematische Fülle und Kon­trastierung, kunstvolle polyphone Satztechnik sowie spielerische Formideen in elitärer Ausdrucksvielfalt erleben liess. Schon den leidenschaftlichen 1. Satz – einen Sonatensatz geprägt von einem markanten Kopfmotiv und vielschichtiger Kontrapunktik – genoss man als Meisterwerk der spätromantischen Harmonik und Polyphonie. Das kantable «Andante» und das graziös-melancholische «Menuett» mit dem intermezzohaften Trio erblühten in leuchtenden Farben. Das furiose Finale mit den zwei scharf kontrastierenden Themen – phasenweise mit ungarischer und wienerischer Stilisierung – wirkte besonders auch in der effektvollen grossen Coda tänzerisch und aussagekräftig.

Monumentales Klavierquintett von Tanejew

Ein epochales Werk, das Monumentalität mit hohem musikalischem Anspruch verbindet, konnte man bei der Interpretation des fünfzig Minuten dauernden Klavierquintetts in g-Moll des Russen Sergej Tanejew intensiv erleben. Der breit angelegte, sehr emotionale Kopfsatz – eröffnet von einer nachdenklichen elegischen Einleitung und geprägt vom Wechsel kraftvoller und lyrischer Kontraste – verbreitete eine dunkle Stimmung. Auch bei den folgenden, von Ideenreichtum und innerem Pathos durchdrungenen Sätzen – Kunstwerken fantastischer Polyphonie und grandioser Klangwelten – bewies das Quintett mit höchster Intensität faszinierende Gestaltungsfähigkeit und Aus-druckskraft. Im marschartigen «Presto» beeindruckten vor allem die funkelnde Rhythmik und die innige lyrische Melodik. Grossartige musikalische Architektur leuchtete im klangschönen «Largo» auf – einer Passacaglia mit Variationen. Über dem Hauptthema, einem tragischen Klanggedicht, das von einem ständigen Cello-Ostinato untermalt wird, schwebte eine permanent wechselnde Folge von ­Bildern und emotionalen Kon­­trasten. Eine Themenfülle, dramatische Spannung und orches­trale Klangwirkungen bot das ­packend gestaltete furiose Finale, das stürmisch applaudiert wurde und den genussvollen Konzertabend krönte.