Appenzell Ausserrhoden
Nach Dopingskandal: Herisauer Pharma-Firma Hänseler wird über Nacht berühmt

Ein «Power-Sugus» mit dem Inhaltsstoff Nikethamid wurde dem Schweizer Hürdensprinter Kariem Hussein kurz vor den Olympischen Spielen zum Verhängnis. Nach dem Dopingskandal wurde er für neun Monate gesperrt - der Tiefpunkt eines jeden Sportlers. Ganz anders geht es der Herstellerfirma Hänseler AG aus Herisau, deren Produkt Gly-Coramin seit dem Vorfall in den Medien präsent ist.

Aline Baumgartner
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Der Hersteller des Dopingmittels Gly-Coramin hat seinen Hauptsitz in Herisau.

Der Hersteller des Dopingmittels Gly-Coramin hat seinen Hauptsitz in Herisau.

Bild: Ralph Ribi

Kariem Hussein wäre in diesem Jahr einer der Hoffnungsträger des Schweizer Leichtathletikteams an den Olympischen Spielen in Tokyo gewesen. Hätte er da nicht diesen Sugus genommen.

Bonbon-Verzehr hat Folgen

Ende Juni fanden in Langenthal die Schweizer Meisterschaften von Swiss Athletics statt, bei denen Hussein als Hürdenläufer antrat. Nach dem 400-Meter-Lauf nahm der Sportler ein Gly-Coramin-Bonbon zu sich. Ein folgenschwerer Fehler.

Im anschliessenden Dopingtest fand man in Husseins Blut eine verbotene Substanz: Nikethamid. Das leichte Aufputschmittel steht seit 1972 auf der Dopingliste. Der Befund bedeutet für den 32-Jährigen eine neunmonatige Sperre und das Olympia-Aus.

Hürdenläufer Kariem Hussein wurde für neun Monate gesperrt, nachdem er beim Wettkampf Gly-Coramin zu sich genommen hat.

Hürdenläufer Kariem Hussein wurde für neun Monate gesperrt, nachdem er beim Wettkampf Gly-Coramin zu sich genommen hat.

Bild: Georgios Kefalas

Hussein habe nichts gewusst

Der Europameister von 2014 beteuert, dass er nichts von dem Nikethamid-Verbot an Wettkämpfen gewusst habe. Ganz zu glauben scheint ihm das Antidoping-Komitee allerdings nicht. Der Hürdenläufer ist Arzt und müsste den Stoff aus dem Studium als Dopingmittel kennen. Ausserdem steht laut der Herstellerfirma Hänseler im zweiten Abschnitt der Packungsbeilage beschrieben, was bei der Einnahme beachtet werden muss. Hinweise für Sportler sind also vorhanden.

Das Antidoping-Komitee verhängte Hussein eine verminderte Strafe, da der Sportler den Konsum des Mittels sofort eingestanden hat. Statt zwölf Monate ist der 32-Jährige nur neun Monate für Wettkämpfe gesperrt. Der Läufer nahm die Strafe an und bereue seinen Fehler.

Wurde Kariem Hussein zum Verhängnis: Wegen des Lutschbonbons ist der Athlet neun Monate gesperrt.

Wurde Kariem Hussein zum Verhängnis: Wegen des Lutschbonbons ist der Athlet neun Monate gesperrt.

Bild: Ralph Ribi

Das steckt hinter dem Aufputsch-Bonbon

Gly-Coramin ist ein Lutschbonbon, welches Glucose und Nikethamid enthält und als kurzfristiges Aufputschmittel gilt. Nikethamid trägt zur Atem- und Kreislaufstimulation bei und ist äusserst beliebt bei Bergsteigern. Gemäss Patienteninformation wird Gly-Coramin empfohlen bei Ermüdungserscheinungen, körperlichen Anstrengungen sowie bei Beschwerden, die durch Luftdruckveränderungen hervorgerufen werden – zum Beispiel beim Bergsteigen.

Im Training ist die Substanz Nikethamid erlaubt, im Wettkampf jedoch absolut verboten. Der Hersteller empfiehlt als dopingfreien Ersatz bei Wettkämpfen herkömmlichen Traubenzucker.

Produktionszahlen werden nicht erhöht

Hersteller des Nikethamid-Bonbons Gly-Coramin ist der Pharma-Konzern Hänseler AG aus Herisau. Neben dem Aufputschmittel vertritt die Firma unter anderem auch die beliebten Bach-Blüten Produkte.

Der Hersteller selbst möchte zu der Entwicklung der Umsatzzahlen seit dem Dopingvorfall noch keine Auskunft geben. Laut Leiterin der Marketingabteilung wurde auch die Produktionszahl nicht erhöht.

In den Appenzeller Apotheken ist die Nachfrage nach Gly-Coramin wider Erwarten nicht gestiegen.

In den Appenzeller Apotheken ist die Nachfrage nach Gly-Coramin wider Erwarten nicht gestiegen.

Bild: Ralph Ribi

Appenzeller Apotheken spüren keinen Boom

Auf Anfrage bei mehreren Apotheken in St.Gallen und im Appenzellerland sind die Verkaufszahlen wider Erwarten nicht gestiegen. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach den Lutschtabletten sei sehr gering. Laut NZZ sieht es in Zürich anders aus: Die städtischen Apotheken werden seit dem Dopingvorfall überrannt mit Anfragen nach Gly-Coramin.

Wer die Lutschtabletten ausprobieren will, kommt relativ leicht daran. Gly-Coramin ist nicht rezeptpflichtig und darf ab 16 Jahren legal in der Apotheke erworben werden. Einzig muss der Grund des Erwerbs angegeben werden.

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