Appenzell Ausserrhoden
Die Bonapartes als Gast: Wie der Kurpalast Ochsen den Tourismus in Gais belebte

Seit 1796 prägt der «Neue Ochsen» den einzigartigen Dorfplatz von Gais. Alte Bilder zeigen, wie der Kurpalast mit seinem markanten Haubenturm zu einer starken touristischen Belebung des Dorfes führte.

Peter Eggenberger
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Bauherr des prachtvollen Kurpalastes war mit Samuel Heim der Sohn des legendären Ueli Heim, der mit seinen Molkenkuren den guten Ruf von Gais als Erholungsort begründete. «Ab 1760 begaben sich immer mehr Kurbedürftige aus dem Raum Zürich und Winterthur nach Gais. Hier verstand es Hans Ulrich alias Ueli Heim (1720–1814) ausgezeichnet, die von medizinischen Autoritäten behauptete Heilwirkung der Molke kommerziell auszunützen», schreiben die beiden Autoren Achilles Weishaupt und Karl Rechsteiner im Buch «Geschichte der Gemeinde Gais».

Beim Dorfbrand von 1780 wurde auch Ueli Heims Wirtschaft Ochsen eingeäschert, und an dessen Stelle entstand ein Neubau, der heute als «Falken» bekannt ist.

Aufstieg zum führenden Hotel

Die Beliebtheit des Kurorts Gais liess die Zahl der Gäste fast sprunghaft ansteigen, sodass der in die Fussstapfen seines Vaters Ueli getretene Sohn Samuel Heim (1764–1860) im Jahr 1796 ein grösseres, «Neuer Ochsen» genanntes Haus erbauen liess. Es war ein prachtvolles Riegelbauwerk mit Walmdach und markantem Haubenturm, das nun zu den führenden Hotels im Appenzellerland aufstieg.

Illustration aus dem Jahr 1800: Der überaus belebte Dorfplatz wird vom 1796 erbauten, einen markanten Haubenturm aufweisenden Kurpalast Ochsen dominiert.

Illustration aus dem Jahr 1800: Der überaus belebte Dorfplatz wird vom 1796 erbauten, einen markanten Haubenturm aufweisenden Kurpalast Ochsen dominiert.

Bild: PD

Prominenz aus halb Europa weilte jetzt in Gais zur Kur und klingende Namen wie Louis Bonaparte, Ex-König von Holland, und dessen Gattin Hortense de Beauharnais (Stieftochter von Kaiser Napoléon I) sowie zahlreiche weitere noble Herrschaften waren beste Reklame für den «Neuen Ochsen» und Gais.

Unaufhaltsamer Niedergang

Obwohl der Gaiser Arzt Johann Heinrich Heim (Enkel von Ueli Heim, 1802–1876) in Schriften und Vorträgen unermüdlich die Heilkraft der Molken beschwor, liess die starke Konkurrenz durch andere Kurorte wie Weissbad, Heinrichsbad (Herisau) und weitere den Glanz von Gais verblassen. Zudem wurde ab den späten 1840er-Jahren Heiden überraschend schnell führender Appenzeller Kurort. «Nach der Ära Heim war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten», schreiben die Autoren des Gaiser Buchs. «Manch einer musste mitansehen, wie im neuen Ochsen Misswirtschaft betrieben wurde. Von 1864 bis zur Betriebseinstellung im Jahr 1901 gaben sich hier nicht weniger als dreizehn Wirte die Klinke in die Hand …»

Nach wie vor aber ist der Ochsen prägendes Gebäude am Gaiser Dorfplatz, der heute mit der «Krone »und dem «Falken» nach wie vor zwei Restaurantbetriebe mit Hotelzimmern aufweist.