Appenzell Ausserrhoden
«Chönd zo üs ue, d’Stobe isch parat»: Warum das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen realisiert wurde

1946 zogen dreissig Kriegswaisen aus Marseille und Toulon ins Trogener Waisenhaus «Schurtanne» ein. Das war der Beginn des Kinderdorfs Pestalozzi. Zum 75. Geburtstag ist nun ein Buch über die Institution erschienen.

Margrith Widmer
Drucken
Teilen
Das Kinderdorf Pestalozzi heute: Jährlich nehmen rund 3000 Kinder und jugendliche aus dem In- und Ausland an Austausch- und Bildungsprojekten teil.

Das Kinderdorf Pestalozzi heute: Jährlich nehmen rund 3000 Kinder und jugendliche aus dem In- und Ausland an Austausch- und Bildungsprojekten teil.

Bild: Urs Bucher

Die Grundsteinlegung war am 28. April 1946. Doch es war nicht selbstverständlich, dass das Kinderdorf im Appenzellerland realisiert wurde. Es gab Angebote aus Unterägeri im Kanton Zug und Zweisimmen im Kanton Bern. Aber das Trogener Angebot war attraktiv: acht Hektaren Bauland für vierzig Rappen pro Quadratmeter.

An der Grundsteinlegung rief ein Schulmädchen aus Trogen: «Ihr Mätle ond Buebe, wo kän Vater ond kä Muetter mehr hend, chönd zo üs ue, d’Stobe isch parat.»

Schon am 9. September zogen französische Kriegswaisen in die ersten beiden Häuser des neu erbauten Kinderdorfs ein. Ende 1946 waren schon sieben Häuser bewohnt.

Zum Geburtstag ist nun ein Buch über die 75 Jahre des Kinderdorfs erschienen. Blau, grün und rot sind die Kindergesichter auf dem Buchtitel - und genau so getönt sind die zahlreichen Fotos im «Der Traum einer Welt für Kinder.»

Frei von Hass

Initiant Walter Robert Corti

Initiant Walter Robert Corti

Bild: PD

Begonnen hat die Geschichte des Kinderdorfs noch während des Kriegs: 1943 diskutierten Walter Robert Corti und Marie Meierhofer mit Freunden über die Verantwortung jedes Einzelnen für das Elend und das friedliche Zusammenleben. Corti wollte Kinderdörfer in Polen, Griechenland und Deutschland. Er hatte die Gefahr der Entwurzelung für umgesiedelte Kinder klar erkannt.

Die Reformpädagogin und Friedensaktivistin Elisabeth Rotten sagte, Trogen werde «vielleicht der einzige Ort auf Erden sein, an dem Kinder aus Ländern, die ehemals verfeindet waren und es trotz des ‚Friedens‘ auch heute noch sind, frei von allem Hass und in gegenseitigem Wohlwollen aufwachsen können.»

In den Nationenhäusern wurde nach den Lehrplänen der Herkunftsländer der Kinder gelehrt. So sollte die Rückkehr in die Heimatländer nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit erleichtert werden. In der Oberstufe besuchten Jugendliche aller Nationen gemeinsam den Unterricht. Das sollte das Verständnis unter den Nationen fördern.

Internationales Kinderhilfswerk

Blick auf einen Teil des Kinderdorfes Pestalozzi.

Blick auf einen Teil des Kinderdorfes Pestalozzi.

Bild: KEY

In den 1960 und 1970er Jahren wurden Kinder aus Tibet, Südkorea, Tunesien, Indien, Vietnam und Äthiopien aufgenommen. Immer mehr aussereuropäische Kinder absolvierten eine Berufslehre in der Schweiz. In den 1970-er Jahren erfolgte eine Neuorientierung mit Fokus auf die Hilfe vor Ort. Nur noch Kinder, denen in ihren Heimatländern nicht geholfen werden konnte, fanden in Trogen Aufnahme. Aus der «Kinderepublik» wurde ein internationales Kinderhilfswerk.

Das Kinderdorf Pestalozzi ist auf Spenden gebaut. Privatpersonen, Firmen, Institutionen, Städte und Gemeinden trugen mit Geld, Naturalien und Fronarbeit dazu bei, dass dieses Dorf für notleidende Kinder entstehen konnte. Zwischen 1944 und 1946 flossen die Mittel, ohne dass viel Werbung gemacht werden musste. Aber schon 1949 war die Liquidität fast bei null, sodass nicht mal die bescheidenen Löhne der Mitarbeitenden bezahlt werden konnten.

Pro Juventute stellte ihre Expertise in der Mittelbeschaffung zur Verfügung - und rettete das Kinderdorf. Seit den 1950-er Jahren sind Legate ein wichtiger Pfeiler der Finanzierung. Neben Aktionen, wie dem Kalenderblatt- und Abzeichenverkauf, wurden eine Patenschaftsaktion und später ein Freundeskreis gegründet; dieser zählte Ende des vergangenen Jahrs 35’000 Mitglieder; dazu kamen 6000 Patinnen und Paten.

Nothilfe an Ort

1982 wurde die für die «Hilfe an Ort» verantwortliche Koordinationsstelle geschaffen. Die ersten Projekte starteten in den Heimatländern von Kindern, die in den frühen 1980-er Jahren im Kinderdorf lebten: Libanon, Bangladesch, Äthiopien und Indien. Dabei ging es primär um Nothilfe: schulische Nothilfe für kriegsvertriebene Kinder und deren Mütter im Libanon, Überlebenshilfe für unerwünschte Kinder und deren alleingelassene Mütter in Bangladesch, ein Auffangzentrum für ausgesetzte Kinder in Addis Abeba, Äthiopien. Es folgten weitere Projekte in Ostafrika, Thailand, Myanmar, Laos, Nordmazedonien, Moldawien, Serbien, Honduras, El Salvador und Guatemala

Das Kinderdorf Pestalozzi erhält regelmässig hohen Besuch: hier Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Das Kinderdorf Pestalozzi erhält regelmässig hohen Besuch: hier Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Bild: Ralph Ribi

2014 wurden die sozialpädagogischen Wohngruppen geschlossen. Und es entstand Neues: Die interkulturellen Austauschprogramme und die Bildungsprojekte erhielten mehr Raum. Heute nehmen jährlich rund 3000 Kinder und jugendliche aus dem In- und Ausland an Austausch- und Bildungsprojekten teil und lernen die Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens.

«Es tobte ein Schneesturm»

Die einzelnen Kapitel werden verbunden mit Porträts von Menschen, die für das Kinderdorf wichtig waren, in erster Linie Walter Robert Corti und Marie Meierhofer, Elisabeth Rotten, der Bauhausarchitekt Hans Fischli, Arthur Bill und Anuti Corti-Bonzo, die Frau von Walter Robert Corti, die inzwischen 103 Jahre alt ist.

«Im Kinderdorf tobte ein Schneesturm und es war furchtbar kalt»; erinnerte sich der Österreicher Hermann Gubier, der am 1. März 1947 im Kinderdorf eintraf. Er galt als Vollwaise; beide Eltern waren vermisst. Zwei Jahre später traf ein Brief seines Vaters aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft ein. Das Haus der Österreicher war noch im Bau, als er einzog. Als die Kinder schlafen gingen, arbeiteten Handwerker des Berner Alpenvereins weiter. Jahre später hatte Gubier in seinem Gasthaus Schweizer Gäste, die sich über sein Schweizerdeutsch freuten: Einer von ihnen gehörte zu jenen Berner Handwerkern.

Aktuelle Nachrichten