APPENZELL: Auf Stroh gebettet

Regula und Reto Brülisauer bieten seit acht Jahren «Schlaf im Stroh» in ihrem Gade an. Doch nicht nur das Übernachten auf Getreidehalmen ist gefragt, auch der Einblick in die morgendliche Melkroutine ist ein Erlebnis.

Stephanie Sonderegger
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Ein Bett im Stroh mit Ausblick in die Alpen. (Bilder: Stephanie Sonderegger)

Ein Bett im Stroh mit Ausblick in die Alpen. (Bilder: Stephanie Sonderegger)

Stephanie Sonderegger

redaktion@appenzellerzeitung.ch

Es ist 4.40 Uhr. Der Wecker klingelt. Das Stroh raschelt unter dem Schlafsack. Zeit, aufzustehen. Die Knochen sind noch schwer, die Nacht hat Spuren hinterlassen. Doch es bleibt keine Zeit, sich zu beklagen. Die Kühe von Regula und Reto Brülisauer aus Appenzell wollen gemolken werden. Der Landwirt ist bereits wach und trinkt seinen Kaffee. «Den brauch ich zum Wachwerden», sagt er und blättert durch den «St. Galler Bauern». Knapp 20 Minuten später steht er mit grünen Gummistiefeln und der Melkmaschine zwischen seinen Tieren. Geduldig beantwortet er jede Frage und erklärt seine routinierten Arbeitsschritte. Den Besuch von Übernachtungsgästen im Stall ist er gewohnt, das Melken ist besonders bei Familien mit Kindern und bei Ausländern beliebt.

Seit 2009 bieten Regula und Reto Brülisauer auf ihrem Hof «Schlaf im Stroh» an. «Wir hatten mehrere Hüttli, die wir nicht nutzten. Da wollten wir etwas daraus machen», erzählt der 44-jährige Landwirt. Beide informierten sich über Nutzungsmöglichkeiten. An «Schlaf im Stroh» fanden sie Gefallen. Sie bauten ein Hüttli um, richteten es für die Gäste her. Letztere kamen schnell, viel Werbung mussten die Thurgauerin und der Appenzeller nicht machen.

Neubau seit 2013

Es ist 6 Uhr. Regula Brülisauer trägt zwei Eimer Milch für die Kälbli. Sie kümmert sich täglich um den Nachwuchs im Kuhstall. Diesmal sind es fünf Jungtiere, die sie zu versorgen hat. Doch der Jüngste scheint an diesem Morgen keinen Hunger zu haben. Liebevoll kümmert sich die 41-Jährige um das Kälbli, bis es trinkt. Doch das ist längst nicht die einzige Aufgabe der Landwirtsfrau. Sie ist es, die sich vorwiegend um die Gäste kümmert und auch an diesem Tag für Sauberkeit und Ordnung im Strohgade sorgen wird.

Zusammen mit ihrem Mann entschied sich Regula Brülisauer nach den ersten vier Jahren «Schlaf im Stroh», das Angebot zu erweitern. Anfang 2013 begann Reto Brülisauer mit dem Neubau einer weiteren, grösseren doppelstöckigen Hütte. Rund 20 bis 35 Schlafplätze, zwei Toiletten mit jeweils einer Dusche entstanden. Der Aufwand hat sich gelohnt: So übernachteten im vergangenen Jahr zwischen Mai und Oktober 1050 Gäste auf dem Hof – darunter viele aus dem Ausland. «Wir hatten schon Gäste von überall», sagt der 44-Jährige. Mit einem lauten Lachen erinnert er sich an zwei Frauen aus Hongkong, die einen Abend mit ihm beim Melken im Stall verbrachten. «Sowas haben die beiden noch nie gesehen.»

Frische Milch und Alpkäse zum Frühstück

Es ist 7 Uhr. Es riecht nach Kaffee in der Küche. Reto Brülisauer hat Hunger. Er schneidet eine Scheibe Käse ab. «Das ist Alpkäse von unseren Kühen», erklärt er und beisst in sein Butterbrot. Seine Frau stellt derweil Marmelade und Joghurt auf den Tisch. So, wie sie es sonst jeden Morgen für die Gäste im Strohgade macht. Hungrig verlässt bei ihr keiner den Hof.

Regula Brülisauer geht ganz auf in ihrer Aufgabe als Gastgeberin. Die 41-Jährige mag es ordentlich. Die Hütten sind stets sauber aufgeräumt und das Frühstück bereitet sie mit viel Liebe zu. «Für mich ist es schön, wenn wir Gäste hier haben», sagt sie. Dennoch gebe es auch Momente, in denen man sich freue, wenn man den Hof wieder für sich habe – besonders zu Saisonende. «Aber im Frühling freuen wir uns immer, wenn wir endlich wieder alles für unsere Gäste bereit machen dürfen.»