Anregendes Schürfen nach Klangschichten

Vielgestaltige Konzerte mit dem Appenzeller Kammerorchester in den Kirchen Oberegg und Gais.

Martin Hüsler
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Leitete auch dieses Jahr das Orchester mit Souveränität: Jürg Surber (Bildmitte).Bild: Hanspeter Schiess (Herisau, 24. November 2018)

Leitete auch dieses Jahr das Orchester mit Souveränität: Jürg Surber (Bildmitte).Bild: Hanspeter Schiess (Herisau, 24. November 2018)

Am Samstag in der katholischen Kirche Oberegg, am Sonntag in der evangelischen Kirche Gais – das Appenzeller Kammerorchester unter der Leitung von Jürg Surber trat am Wochenende zweimal an die Öffentlichkeit. Angekündigt waren unter dem Titel «Klangschichten» Konzerte mit musikalischen Fundstücken aus unterschiedlichen Zeitepochen.

Der Orgel war an diesem Konzert die Hauptrolle zugedacht, folgerichtig deshalb der Einstieg mit Johann Sebastian Bachs Toccata E-Dur BWV 566,1. Rudolf Meyer, Organist aus Winterthur und eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, verlieh der kurzen Einstimmung kraftvolle Prägnanz.

Spannungsgeladenes Klangbild

Gut zweihundert Jahre liegen zwischen dem Schaffen Bachs und jenem von Paul Müller-Zürich. Der Schweizer Komponist, der von 1898 bis 1993 lebte, ist ein seltener Gast in den Konzertsälen. Insofern passt zu seinen Werken das Etikett «Musikalisches Fundstück». In seinem Konzert für Orgel und Streicher op. 28, aus dem die Toccata und die Aria variata ins Programm genommen wurden, liess das Appenzeller Kammerorchester ein kantiges, spannungsgeladenes Klangbild erstehen.

Eingebettet in die Komposition von Paul Müller-Zürich war mit «Les Epaves» für Streichorchester ein Werk des 1986 geborenen Wallisers Andreas Zurbriggen. «Komponiert 2018» konnte man auf dem Programmzettel lesen. Diese Jahreszahl mag bei der zahlreichen Zuhörerschaft gemischte Gefühle geweckt haben. Kommt das nicht zu sperrig daher? Aber nichts von alledem! Wenn die Absicht bestand, Fundstücke in den Fokus zu rücken, so darf man Jürg Surber und seinem Orchester ohne weiteres attestieren, sogar einen musikalischen Schatz gehoben zu haben. Einen markanten Schwerpunkt setzte das Konzert für Oboe und Violine c-Moll op. 28 BWV 1060 von Johann Sebastian Bach. Schon nach den ersten Takten stellte sich jener Aha-Effekt ein, wie ihn oft zu hörende Stücke sofort bewirken. Den Solopart übernahmen die Oboistin Helen Moody, Lehrerin am Musikzentrum St. Gallen, und Konzertmeisterin Christine Baumann. Zusammen mit dem Orchester gelang ihnen eine mustergültige Umsetzung dieses so eingängigen Werks des Leipziger Meisters. «Heimweh», «In der Heimat» und «Walzer» aus den vier Lyrischen Stücken von Edvard Grieg, in einer Bearbeitung von Wolfgang Müller, wiesen der Oboe erneut einen Einsatz zu. Im Original für Klavier gesetzt, war in der zu Gehör gebrachten Fassung deutlich erkennbar, dass der Bearbeiter dem Grieg’schen Duktus den ihm gebührenden Raum gelassen hat.

Eine Uraufführung

Weit weggetragen in eine andere Welt fühlte man sich im so unglaublich elegischen Adagio for Strings op. 11 von Samuel Barber. Einer ausdrucksstarken und gefühlvollen Interpretation, wie sie hier unerlässlich ist, wurden Dirigent und Orchester vollauf gerecht. Zum Abschluss erklang, quasi in einer Uraufführung II, das Bach-Geschiebe op. 70, eine als «Raummusik im Nachgang zu Bachs Doppelkonzert BWV 1060» deklarierte Komposition des Organisten Rudolf Meyer. Dazu platzierten sich Christine Baumann und Helen Moody im Mittelgang, derweil das Orchester immer wieder das Hauptmotiv aus dem Kopfsatz des Doppelkonzerts aufscheinen liess. Das Geschiebe mündete in einen neckischen Schluss.