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Pfarrerssohn will kein «Vaterunser» mehr beten vor Kantonsratssessionen

Zu Beginn einer jeden Kantonsratssitzung heisst es für die Parlamentarier: Sich erheben und dem Eröffnungsgebet lauschen. Dies missfällt Jens Weber. Mit der Praxis würde die Glaubensfreiheit verletzt.
Alessia Pagani
Die Tradition des Gebets vor den Sitzungen wird seit jeher gepflegt. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Die Tradition des Gebets vor den Sitzungen wird seit jeher gepflegt. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Die Ausserrhoder Parlamentarier lauschen vor jeder Sitzung dem vom Ratsschreiber vorgelesenen Gebet, in dem der «Allmächtige Vater» um Beistand gebeten wird, gefolgt vom «Vaterunser» (siehe Kasten). Diese Tradition wird seit jeher gepflegt und ist in der Geschäftsordnung des Kantonsrates verankert. Dafür hat Jens Weber kein Verständnis: «Ich schätze den Besinnungsmoment und erachte eine solche Praxis als wichtig. Das Vorlesen des ‹Vaterunser› im Kantonsrat verstösst allerdings gegen die Glaubens- und Religionsfreiheit», sagt der SP-Kantonsrat. Bereits bei seiner ersten Sitzung vor vier Jahren sei er erschrocken über die Praxis. «Es ist ein Gebet, das rituell an die Kirche und die Liturgie gekoppelt ist. Wenn es vorgelesen wird, kann man nicht mehr von religiöser Neutralität sprechen, der heute Grundsatz unseres Staates ist», so der Sohn eines Pfarrers. Glaubens- und Gewissensfreiheit sei ein Individualrecht. «Dies bedeutet, dass wir alle im Rat glauben dürfen, was wir wollen.» Die Glaubens- und Gewissensfreiheit wirke auch auf die Handlungen des Staates, in diesem Fall auf jene des Kantonsrates. «Er darf also nicht religiös Partei ergreifen.» Problematisch sei zudem die Tatsache, dass weder im Gesetz noch in der Geschäftsordnung geregelt sei, welches Gebet überhaupt gemeint ist.

Die Thematik kam auch in der zweiten Lesung zur Geschäftsordnung auf. Enttäuscht ist Weber in diesem Punkt von der parlamentarischen Kommission (PK). «Das Gebet war eines der intensiv diskutierten Themen in der 1. Lesung. Man durfte erwarten, dass die PK sich bezüglich möglicher Verstösse gegen die Religionsfreiheit intensiver damit beschäftigt hätte.» Weber nennt Massnahmen, wie der Thematik entgegnet werden könnte: So schlägt er ein stilles Gebet oder die Streichung des «Vaterunser» vor. «Die erste Formel ist historisch und kann in Bezug auf einen universellen Gott verstanden werden.» Oder aber man überarbeite es so, dass alle eindeutig christlich geprägten Aussagen gestrichen würden.

Praxis in der Schule kaum vorstellbar

Einen zwingenden Grund zur Änderung der Praxis sieht Professor Bernhard Ehrenzeller nicht. Beim Gebet handle es sich um einen typischen Traditionsanschluss, so der Staatsrechtler der Universität St. Gallen. «Auf Gott bezugnehmende, staatsbürgerliche Gebetsformeln knüpfen an eine lange eidgenössische Tradition, welche nicht zuletzt daran erinnert, dass alle Staatsakte unvollkommenes Menschenwerk bleiben.» Selbst die Präambel der Bundesverfassung beginne mit den Worten ‹Im Namen Gottes des Allmächtigen!› und jene der Ausserrhoder leite ein ‹Im Vertrauen an Gott ...› ein. Wenn nun zur Eröffnung des Kantonsrates ein Gebet gesprochen werde, bedeute dies nicht automatisch an eine bestimmte Gottheit glauben zu müssen. Die Frage sei, wie stark das Gebet einen verpönten Zwang auszulösen vermag. «Wir sind uns einig, dass ein solches Gebet in der Schule undenkbar wäre, weil es die freie Entscheidung der Schüler über ihren Glauben beeinflussen könnte.» Dies sei bei Kantonsräten kaum der Fall: «Ich nehme nicht an, dass sich Politiker nur durch das Vorlesen eines Gebets in ihrer Glaubensfreiheit beschnitten fühlen. Keiner ist gezwungen, das Gebet mitzusprechen; Sanktionen bei passiver Haltung gibt es nicht». Auch Ehrenzeller differenziert zwischen den beiden Teilen. «Man kann darüber diskutieren, ob man das Vaterunser als alltägliches Gebet gläubiger Menschen streichen soll. Beim ersten Teil handelt es sich aber mehr um eine feierliche Formel, die die Grundwerte der Ausserrhoder Verfassung schön widerspiegelt.»

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