Ameisen bevölkern den Chubelwald

Der Chubelwald unterhalb der Wilkethöhe scheint für die Rote Waldameise etwas speziell Anziehendes zu haben. Gut 50 Ameisenhaufen – teilweise bis zu 1,5 Meter hoch – hat Revierförster Willi Roth auf kleinstem Raum gezählt. Als Grund vermutet er auch die guten Lichtverhältnisse.

Urs M. Hemm
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Revierförster Willi Roth reisst Jungpflanzen aus einem Ameisenhaufen. «Die Ameisen sammeln die Pflanzensamen selbst ein, oder sie werden vom Wind hergetragen. Wenn ich das Grünzeug nicht entferne, wächst der ganze Haufen zu, und die Ameisen verschwinden», sagt er. (Bilder: Urs M. Hemm)

Revierförster Willi Roth reisst Jungpflanzen aus einem Ameisenhaufen. «Die Ameisen sammeln die Pflanzensamen selbst ein, oder sie werden vom Wind hergetragen. Wenn ich das Grünzeug nicht entferne, wächst der ganze Haufen zu, und die Ameisen verschwinden», sagt er. (Bilder: Urs M. Hemm)

NECKERTAL. «Schau! Da hinter der Kurve ist ein grosser und gleich weiter vorne links ein anderer, noch grösserer Haufen.» Revierförster Willi Roth deutet in alle Richtungen, während er seinen Geländewagen über die Forststrasse durch den Chubelwald unterhalb der Wilkethöhe steuert. Er kenne keinen anderen Ort, an welchem so viele Ameisenhaufen derart dicht gedrängt vorkommen. Bei der letzten Zählung seien es immerhin gut 50 Stück auf einer Fläche von nur etwa 320 auf 700 Metern gewesen – eine Anzahl, die seinesgleichen suche, erläutert Willi Roth. Dennoch: Nachdem die Population der Roten Waldameise in diesem Gebiet vor etwa 20 Jahren fast explosionsartig zugenommen hatte, stelle er in letzter Zeit wieder eine gewisse Abnahme fest. «Den Grund dafür kann ich nicht genau benennen, ich habe aber eine Vermutung, sowohl, was die damalige Zunahme als auch was die jetzige Abnahme der Waldameisenvölker im Chubelwald angeht», sagt der Revierförster des Forstgebiets Mogelsberg.

Sonnenlicht und Erdstrahlen

Die vielen Ameisenhaufen habe er erstmals nach dem Orkan Vivian bewusst wahrgenommen, der 1990 über die Schweiz gefegt war und auch in seinem Forstgebiet erhebliche Schäden verursacht hatte. Einen zweiten Schub habe er nach dem Wirbelsturm Lothar festgestellt, der 1999 viele Bäume umgeknickt oder gar entwurzelt hatte. «Durch diese beiden Ereignisse lichtete sich der Wald, und es fiel mehr Sonnenlicht bis auf den Waldboden. Es entstanden also Verhältnisse, die Waldameisen besonders mögen», weiss Willi Roth, der das Forstrevier Mogelsberg seit 30 Jahren betreut. Für die ungewöhnliche Ausbreitung der Ameisen könnten zudem die geologische wie auch die hydrologische Beschaffenheit des Gebiets Chubelwald eine Rolle spielen, mutmasst er. «Man sagt den Ameisen nach, dass sie zu den sogenannten Strahlensuchern gehören. Sie würden sich demnach für ihre Nester Orte aussuchen, an denen es Erdstrahlen, etwa durch Wasseradern oder geologische Verwerfungen, gibt – am liebsten sogar dort, wo sich zwei Linien kreuzen.» Da der Chubelwald auf felsigem Untergrund stehe, sei es durchaus möglich, dass es im Untergrund sowohl Wasser als auch Felsspalten gebe.

Ausgehend von diesen zwei Faktoren kommen für den Rückgang der Population wiederum die veränderten Lichtverhältnisse in Frage. Denn die geologischen wie auch die hydrologischen Umstände hätten sich in den vergangenen 20 Jahren nicht derart verändern können. Der Anteil des Sonnenlichts, der bis auf den Boden kommt, jedoch schon. «Nach den Sturmschäden haben wir teilweise selbst wieder aufgeforstet, teilweise sind Pflanzen und Bäume auf natürlichem Wege wieder nachgewachsen», schildert Willi Roth. Das bedeute, dass sich das Blätterdach langsam wieder geschlossen habe und so weniger Sonnenlicht den Boden und die Ameisenhaufen erreiche. «Daher achten wir beim Fällen von Bäumen darauf, dass sich mit dem Holzschlag die Lichtsituation für die Ameisenhaufen wieder verbessert.»

Läuse als Haustiere

Wolle man die Ameisen schützen, gebe es noch einen weiteren Umstand bei der Waldbewirtschaftung zu berücksichtigen. «Jeder, der schon einmal ein Picknick im Wald gemacht hat, wird festgestellt haben, dass Ameisen nicht nur Fleisch, sondern vor allem auch Süsses mögen», sagt Willi Roth. In der Natur decken sie diesen Bedarf nach Süssem mit Honigtau. Lieferanten dafür sind Blatt-, Schild- und Rindenläuse, die den zuckerhaltigen Saft aus den Bäumen saugen und die Überreste als Honigtau ausscheiden. «Um sich diese Nahrungsquelle zu sichern, hält sich ein Ameisenvolk ganze Kolonien von Läusen auf Futterbäumen, die entweder gleich beim Nest selbst oder in unmittelbarer Nähe sind», erklärt der Revierförster. Diese Futterbäume erkenne man an den Ameisenstrassen entlang des Baumstammes. Da Ameisen ihre Nester ohnehin oft direkt an den entsprechenden Baum bauen würden, sei klar, dass ein solcher nicht gefällt werde. Doch auch andere erkennbare Futterbäume würden – sofern es nicht die Sicherheit gebiete – nicht gefällt, so Willi Roth.

Beim Schutz der Waldameisen gehe es aber nicht nur um den Erhalt der Ameise selbst. «Als Aas- und Insektenfresser übernehmen Ameisen eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald.» Einerseits würden sie dazu beitragen, den Insektenhaushalt eines Waldes im Gleichgewicht zu halten. Zugleich würden sie wiederum als Futter für andere Tiere wie Vögel dienen. Sie tragen aber auch durch den Abbau von Laub und Holz zur Humusbildung und durch ihre unterirdischen Nester zu einer gute Bodendurchlüftung und somit für gutes Pflanzenwachstum bei.

Bis zu einer Million Waldameisen leben in einem Haufen dieser Grösse.

Bis zu einer Million Waldameisen leben in einem Haufen dieser Grösse.